Wirrer Kunst-Tatort oder Kleinod? "Schwindelfrei" im Kreuzverhör

Felix Murot (Ulrich Tukur) taucht in "Schwindelfrei" in die Zirkuswelt ein.

Felix Murot (Ulrich Tukur) taucht in "Schwindelfrei" in die Zirkuswelt ein. © HR/Katrin Denkewitz

05.12.2013 · von Tobias Frauen

Ein besonderes Flair, eine andere Art zu erzählen – das ist das Markenzeichen der Tatorte mit Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Felix Murot. Die ersten beiden Fälle "Wie einst Lilly" und "Das Dorf" waren extrem eigenwillig erzählt und inszeniert, kamen aber gut an. Mit "Schwindelfrei" gibt sich Murot zum dritten Mal die seltene Ehre. Was erwartet die Tatort-Fans dieses Mal?

Worum geht’s?

"Es gibt was zu feiern! Mein Tumor ist weg!" Felix Murot (Ulrich Tukur) ist bester Laune und führt seine Sekretärin Magda Wächter (Barbara Philipp) aus – in den Zirkus. Dort wird er Zeuge, wie eine Frau panisch aufspringt, danach jedoch spurlos verschwindet. Murot heuert als Aushilfs-Pianist im Zirkus an und nimmt die Truppe unter die Lupe. Von Messerwerfer Frank (Uwe Bohm) über Bauchredner Buca (Jevgenij Sitochin) bis hin zu Direktor Raxon (Josef Ostendorf) erscheint zunächst jeder verdächtig.

In der Parallelwelt des Zirkus, in der es von Entwurzelten und Desillusionierten nur so wimmelt, fällt Murot auf den ersten Blick gar nicht auf. Doch auch wenn er offiziell noch nicht wieder im Dienst ist, sind die alten Ermittler-Instinkte gewohnt scharf. Er gilt zwar offiziell als geheilt, aber manchmal traut er seinen Augen dann doch nicht – ist es wirklich wahr, was da gerade zu sehen ist?

Problem-Krimi oder Spaß-Tatort?

Auch wenn vorne Tatort draufsteht, fällt es schwer, die Fälle von Felix Murot zwischen den anderen Ermittlern einzuordnen. Im ganzen Film ist nicht ein einziger Polizeiwagen zu sehen, es wird nicht pausenlos mit dem Handy telefoniert und auch Standard-Elemente wie Leichen-Fundort und der obligatorische Besuch in der Rechtsmedizin fehlen. Regisseur Justus von Dohnányi macht die Zirkuswelt zum Mittelpunkt, wo sie doch eigentlich am Rand der Gesellschaft ihren Platz hat. Dabei versteht er es, neben dem nüchternen Kriminalfall immer wieder höchst absurde und unterhaltsame Szenen einzubauen. "Schwindelfrei" wird sicherlich nicht allen gefallen – ist aber in sich absolut stimmig und gelungen.

Ist die Handlung glaubwürdig?

In der Zirkuswelt gelten eigene Gesetze, wie Direktor Raxon mehrfach in ausufernden Monologen darlegt. Nach normalen Tatort-Maßstäben ist die Lösung ein bisschen zu sehr konstruiert und zufällig. Mit ein bisschen Spürsinn ahnt man auch schon relativ früh, wer sich am Ende als Mörder entpuppt. Bislang war Murots Hirntumor das Vehikel für allerlei bizarre Wendungen und Effekte. Jetzt ist er weg, dafür wird der Zirkus als beinahe abgeschlossene Parallelwelt herbeigezogen. Die langsam wegbröckelnde Fassade der Show-Truppe ist brilliant – alles andere ein wenig gewöhnungsbedürftig. 

Bester Auftritt

Die Murot-Tatorte sind im Prinzip eine einzige große Ulrich Tukur-Show. In "Schwindelfrei" hat er zudem noch seine Band "Rhythmus Boys" um sich herum – kein Wunder, dass er sich pudelwohl fühlt. Mit süffisantem Grinsen passt er sowohl ins betuliche Oma-Café als auch in den Zirkus. Dass der Tumor – der bislang ein wenig wie das Hintertürchen zum schnellen Ausstieg für den vielbeschäftigten Tukur wirkte – aus dem Buch herausgeschrieben wurde, deutet auf eine längere Bindung des Schauspielers an den Tatort hin. In kleinen Dosen ein Juwel der Reihe.

Was muss man sich merken?

Der Tumor ist weg – das verschließt in erzählerischer Hinsicht viele Türen, öffnet aber gleichzeitig ganz neue Möglichkeiten wie sich die Figur noch entwickelt. Der vierte, bereits abgedrehte Tatort mit Felix Murot ("Butterfly – Im Schmerz geboren") verspricht schon mal viele neue Aspekte.

Soll man gucken?

Wer bei einem künstlerisch angehauchten Tatort Fluchtinstinkte verspürt und sich an das grausam gescheiterte München-Experiment "Aus der Tiefe der Zeit" erinnert fühlt, der sei beruhigt. Es braucht in "Schwindelfrei" weder amokartige Schnitte noch eine wirr-überfrachtete Story. Doch allseits beliebt wird dieser Tatort nicht sein, auch Top-Quoten darf man nicht erwarten. Nicht umsonst wird der Vorspann von Felix Murot symbolträchtig abgebrochen.  Es kommt vielmehr die vielfach strapazierte Abwechslung im Tatort zum Tragen. Ein kleiner, aber feiner Film – und in den typisch kleinen Dosen, in denen Tukur bislang Tatorte gedreht hat, eine Bereicherung!

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