Tatort Wien im Kreuzverhör: Emil und die Detektive an der Grenze

Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln an der österreichisch-tschechischen Grenze.

Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln an der österreichisch-tschechischen Grenze. © ARD Degeto/ORF/Allegro Film/Milenko Badzic

06.03.2015 · von Tim Sievers

Was Bayern für Deutschland ist, scheint für die Wiener Ermittler das österreichische Waldviertel zu sein. Chefinspektor Moritz Eisner und seine Kollegin Bibi Fellner machen sich auf ins "Ausland", um einen mehr als 40 Jahre alten Fall aufzuklären. Ob sich das Einschalten beim Tatort "Grenzfall" lohnt, erfahrt ihr in unserem Kreuzverhör.

Worum geht's?

Niederösterreich, 1968, zur Zeit des Prager Frühlings: Ein junger Mann kehrt eines Nachts vom Fischen am Fluss Thaya an der Grenze zur Tschechoslowakei nicht mehr nach Hause zurück. Sein Verschwinden kann nicht aufgeklärt werden. Er hinterlässt eine Frau und einen minderjährigen Sohn.

Die tschechoslowakischen Behörden streiten vehement ab, dass es in der besagten Nacht einen Grenzzwischenfall gegeben hat, obwohl vieles dafür spricht, dass es zu dramatischen Ereignissen am Eisernen Vorhang gekommen ist. Erst Jahrzehnte später findet der Sohn die Wahrheit über seinen Vater heraus - und muss erkennen, dass im Grenzland an der Thaya nichts einfach vergangen ist und die Geschehnisse einer lange zurückliegenden Nacht bis in die heutige Zeit nachwirken...

Problem-Krimi oder Spaß-Tatort?

Das Grenzgebiet zwischen Österreich und Tschechien im Jahr des Prager Frühlings muss ein heißes Pflaster gewesen sein. Der Tatort erzählt die eigentlich unfassbare - aber wahre - Geschichte von Tätern und Opfern diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs und den Verstrickungen einer ganzen Familie in die perfide Machtpolitik des Kalten Krieges. In eindrucksvollen Bildern werden die Machenschaften von Grenzern, Schleusern und Verrätern im Jahr 1968 gezeigt, und welche Auswirkungen ihr Handeln bis in die heutige Zeit nach sich zieht.

Trotzdem gerät der Tatort nicht zu einem trockenen Geschichts-Lehrfilm, sondern erzählt eine spannende Story. Hinzu kommen noch eine gehörige Portion schwarzer Humor und witzige Sprüche. Wir lernen, dass Moritz und Bibi eigentlich nur "Emil und die Detektive" sind, was falsch ist am österreichischen Konjunktiv und wie man das "Loch im Loch" findet. Durchaus unterhaltsam.

Ist die Handlung glaubwürdig?

Der Tatort "Grenzfall" basiert auf einer wahren Begebenheit. Autor Rupert Henning erfuhr durch seine Mitarbeit an der Radiosendung "Tod an der Grenze. Eine Spurensuche" von diesem Fall und verarbeitete den Stoff zu einem spannenden Krimi. Rupert Henning sagt dazu: "Der Film erzählt eine Geschichte über Menschen, deren Schicksale untrennbar miteinander verbunden sind, obwohl sie jahrzehntelang auf verschiedenen Seiten einer unüberwindlich scheinenden Grenze lebten – bewacht von schwer bewaffneten Soldaten, gesichert und abgeriegelt mit Wachtürmen, Stacheldraht und Minenfeldern... Es ist eine dramatische und aufschlussreiche, letztlich aber auch versöhnliche Geschichte. Nichts ist einfach vergangen in dieser Region, beinahe jede Familie war auf die eine oder andere Weise von den politischen Verhältnissen im Grenzland unmittelbar betroffen."

Bester Auftritt

 

Adele Neuhauser ist seit 2011 an der Seite von Harald Krassnitzer beim Tatort Wien dabei. Anfangs nur alkoholkranker Sidekick hat sie sich im Laufe der Zeit zu einer immer wichtigeren Figur entwickelt. Im Tatort "Grenzfall" spielt sie großartig. Mit toller Mimik und viel trockenem Humor ist sie der Star dieses Tatorts. Letzteres ist das große Verdienst von Drehbuchautor und Regisseur Rupert Henning, der allen Charakteren viel Sarkasmus und Witz in die Rollen geschrieben hat. Gerne mehr davon!

Was muss man sich merken?

Bibi Fellner flirtet mit dem Journalisten Max Ryba (Harald Windisch), Moritz Eisner ist offenbar ganz angetan von der hübschen Archäologin (Andrea Clausen). Trotzdem gibt Moritz den Eifersüchtigen. Ob er und Bibi sich in einer der nächsten Folgen doch noch näherkommen? Wir sind sehr gespannt…

Soll man gucken?

Das tolle Zusammenspiel der beiden Hauptakteure Moritz Eisner und Bibi Fellner, trockener Humor und das obligatorische österreichische Grantln machen diesen Tatort sehr sehenswert. Zuschauer nördlich des Weißwurstäquators könnten zuweilen Probleme mit dem Dialekt bekommen, der diesmal ausgeprägter gesprochen wird, als in sonstigen Wiener Tatort-Folgen. Aber der Handlung kann trotzdem jeder problemlos folgen. Unsere Empfehlung: unbedingt einschalten!

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