Tatort "Nachtsicht" aus Bremen: Der Mensch und die Maschine

Tatort "Nachtsicht": Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) haben es mit besonders brutalen Morden zu tun.

Tatort "Nachtsicht": Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) haben es mit besonders brutalen Morden zu tun. © Radio Bremen

09.03.2017 · von Tobias Frauen

Superlative laufen immer, nicht nur beim Tatort. Wenn ein Fall als der "-ste Tatort des Jahres/aller Zeiten" betitelt wird, ist die Sensationsgier geweckt – siehe Ludwigshafen vor zwei Wochen. Deswegen werfen wir Euch für den Bremen-Tatort "Nachtsicht" effektheischerisch entgegen: Es erwarten uns die brutalsten Tatort-Morde des Jahres!!!

Die Tatwaffe: Ein Elektro-Auto. Entsprungen aber nicht den rußverstopften Köpfen der Diesel-Lobby, sondern eines Drehbuchautors mit lebhafter Fantasie. Ein alter BMW wurde auf Strom-Betrieb umgerüstet und mit Stealth-Lackierung versehen, damit er sich nahezu unsicht- und –hörbar seinen Opfern nähern kann. Scheinbar wahllos werden junge Männer auf einsamen Straßen angefahren und grausam zugerichtet. Der Killer-BMW verfügt über einen Dorn am Unterboden, der die Opfer gründlich zerfetzt, und ein Sichtfenster im Boden, damit der Fahrer was zu sehen bekommt.

Übel zugerichtete Leichen

Wer bei der Vorstellung leichte Übelkeit spürt, ist in guter Gesellschaft. Auch Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) zucken beim Anblick der übel zugerichteten Leichen zurück, und selbst Gerichtsmediziner Katzmann (Matthias Brenner) kann nach der Obduktion sein Mittagessen nicht bei sich behalten.

Schnitt. Eine idyllische Siedlung im Bremer Randgebiet, großzügige Gärten und behagliche Spießigkeit des gehobenen Bürgertums. Familie Friedmann (Angela Roy, Rainer Bock) könnte hier sorglos leben, wenn Sohn Kristian (Moritz Führmann) nicht seit Jahren mit Drogen und Kriminalität zu kämpfen hätte. Vater Friedland setzt alles daran, die Fassade aufrecht zu erhalten, doch dahinter wartet nicht nur der angeschlagene Sohn, sondern auch eine todkranke Ehefrau. Der Plan: Wir überlassen dem Sohn Haus und Hof und flüchten nach Kanada, um endlich Ruhe vor dessen Eskapaden zu haben.

Doch dann landet Kristian wieder bei der Polizei. Neben einem der überfahrenen Männer wurde sein Handy gefunden, er ist für Lürsen und Stedefreund der Hauptverdächtige. Doch der inzwischen juristisch gestählte Papi holt den Sohnemann umgehend aus dem Präsidium raus.

Hinterm Steuer zeigt sich der wahre Mensch

Auch wenn für alle Beteiligten ein leiser Zweifel bleibt, ist klar, dass Kristian Friedland hinter dem Steuer des Killer-Autos sitzt. "Nachtsicht" bindet seine zentrale Figur in ein freud’sches Netz ein. Der dominante Vater, die gehandicapte Mutter und bizarre Teenager-Malereien lassen keinen anderen Schluss zu, als dass der gehemmte Friedland sein gestörtes Innenleben auf mörderische Art und Weise auslebt. Nur hinter dem Steuer kann er er selbst sein – ein Gefühl, das viele Auto-Fanatiker mit dem Mörder aus "Nachtsicht" teilen.

Mit den Versuchen von Vater Friedland, den Verdacht auf Auto-Schrauber Roger Wego (Michael Klammer) zu lenken, kommt zwar keine echte Spannung auf, dennoch ist "Nachtsicht" gut erzählt und verliert sich nur selten in Floskeln. Letzte Woche verkündeten Sabine Postel und Oliver Mommsen ihren Ausstieg beim Tatort Bremen, in "Nachtsicht" zeigen sie wieder einmal, wie groß der Verlust ist. Kein großer Problem-Tatort - den die Bremer auch herausragend beherrschen - sondern eine kleine, feine Erzählung rund um gescheiterte Familien und unterdrückte Gefühle.

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