Tatort "Feierstunde" aus Münster: Leiser ist besser

Eines der Pressebilder zum Münster-Tatort "Feierstunde" lässt üblen Klamauk erahnen - doch wir können zumindest teilweise Entwarnung geben

Eines der Pressebilder zum Münster-Tatort "Feierstunde" lässt üblen Klamauk erahnen - doch wir können zumindest teilweise Entwarnung geben. © WDR/Willi Weber

22.09.2016 · von Tobias Frauen

Der 30. Tatort aus Münster, das bedeutet 30 Mal laue Witzchen und hanebüchene Fälle. Auch "Feierstunde" unterscheidet sich da nicht wesentlich, doch schlimmste Erwartungen bleiben dieses Mal unbegründet. Beim 30. Fall für das Erfolgs-Duo werden sogar Themen angesprochen, die man nicht unbedingt mit dem Schenkelklopfer-Tatort in Verbindung bringt. ALS, Sterbehilfe, das Darknet und die Wissenschaft als Schaulaufen übergroßer Egos werden angerissen – wobei Letzteres durch Professor Boerne ja ohnehin Dauerthema ist.

Aber von Anfang an: Der erste Tote des Tatortes ist niemand Geringeres als Professor Boerne (Jan-Josef Liefers). Im Moment seines größten Triumphes, der Verleihung eines hochdotierten Forschungspreises, wird er mit einer Pumpgun niedergemetzelt. Das geschieht aber nur in der Phantasie von Professor Harald Götz (Peter Jordan), einem gescheiterten Wissenschaftler mit Rachegelüsten gegen Überflieger Boerne.

Thiel (Axel Prahl) bekommt jedoch kurz darauf eine reale Leiche zu Gesicht. Eine Rollstuhlfahrerin hat sich selbst erschossen – mit einer Pumpgun. Die Tote ist Götz‘ Frau, die an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS litt und offenbar Selbstmord begangen hat. Götz hatte jahrelang an einem Heilmittel geforscht, doch Boerne hat mit seinem Mumien-Projekt dringend notwendige Forschungsgelder abgegriffen. Gegen den Selbstdarsteller hatte der unscheinbare Götz keine Chance.

Ein Kammerspiel mit klaren Fronten

Doch Götz lebt seine Rachegelüste nicht nur in seiner Phantasie und in Gesprächen mit seiner Psychologin Corinna Adam (Oda Thormeyer) aus. Als Boerne seinen Triumph mit anderen hohen Tieren begießen will, taucht Götz auf und nimmt die gesamte Gesellschaft als Geiseln. Boerne wird vergiftet , nach und nach treten immer schlimmere Lähmungserscheinungen auf: Götz will das Leiden seiner Frau vor der gesamten Uni-Elite Münsters nachspielen.

Es entspinnt sich eine Art Kammerspiel: Drinnen Geiselnehmer Götz und die Egomanen der Wissenschaft, draußen Thiel mitsamt SEK. Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) sucht währenddessen fieberhaft nach einem Gegenmittel, Alberich (ChrisTine Urspruch) entwickelt Muttergefühle für den ausgeschalteten Professor Boerne.

Natürlich bleibt der Münster-Tatort ein Münster-Tatort, auch "Feierstunde" ist mehr Groteske als ein ernstzunehmender Krimi. Aber nach den Tiefpunkten der letzten Zeit ist der neue Fall ohne Fremdschämen anzuschauen – weil er weitgehend auf den sonst üblichen Klamauk und Schenkelklopfer-Humor verzichtet. Vieles ist immer noch reichlich dick aufgetragen, einiges entbehrt jeglicher Logik, aber im Gegensatz zum unsäglichen Tanz-Gehopse oder dem strunzdummen "Schwanensee"-Fall ist "Feierstunde" um Klassen besser.

Erfrischend anders

Liegt es an der verschobenen Konstellation? Schon "Die chinesische Prinzessin" von 2013 (ebenfalls von Regisseur Lars Jessen) ragte aus der Münster-Masse heraus, damals war Boerne als Tatverdächtiger im Gefängnis und Thiel ermittelte mit einer fast gleichberechtigten Nadeshda an seiner Seite. Hier ist er zwar Einzelkämpfer, aber auch dieser Tatort durchbricht über weite Strecken das sonst übliche Schema.

Wer die letzten Fälle aus Münster für grandiose Humor-Höhepunkte hielt, wird von "Feierstunde" vermutlich enttäuscht sein, denn das sonst übliche Geplänkel wird auf ein erträgliches Minimum reduziert. Der Film kommt leiser, entspannter und deutlich qualitativer daher als die schematischen Geschichten der Vergangenheit. Dieser Fall hat sogar eine Art symbolische Ebene zu bieten, wenn auch mit dem Holzhammer: Während Boerne triumphiert, leidet Thiel unter Rückenschmerzen, die erst besser werden als Boerne mit dem Tod ringt.

Wieder mal zeigt sich: Der Münster-Tatort braucht neue Ideen und ungewohnte Erzählweisen, um zu überzeugen. Für die Quote jedoch dürfte all das herzlich egal sein, nach dem verhaltenen Beginn der neuen Tatort-Saison dürfte "Feierstunde" für eine Mega-Quote sorgen. Im Gegensatz zu Vielem, was in den letzten Jahren aus Münster kam, wäre die sogar einigermaßen verdient.

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