Neuer Tatort Berlin: Da steppt der BER

Premiere für den neuen Berliner Tatort mit Robert Karow (Mark Waschke) und Nina Rubin (Meret Becker).

Premiere für den neuen Berliner Tatort mit Robert Karow (Mark Waschke) und Nina Rubin (Meret Becker). © rbb/Frédéric Batier

19.03.2015 · von Tim Sievers

Erster Einsatz für das neue Ermittler-Duo Karow/Rubin am Tatort Berlin. Es soll ein Team der absoluten Gegensätze werden. Robert Karow (Mark Waschke) stammt aus dem Ostteil Berlins, Single, ein akribischer Ermittler, der sich von Fakten leiten lässt. Kollegin Nina Rubin (Meret Becker) kommt aus dem Berliner Westen, ist verheiratet, zwei Kinder und verlässt sich bei der Ermittlungsarbeit mehr auf ihren Bauch als auf den Verstand.

Wenn dieses Gegensätzliche mit solcher Verve angekündigt wird, wird es schnell überambitioniert. Die Drehbuchautoren versuchen dann, auch jeden noch so kleinen Charakterzug des Einen beim Anderen ins Gegenteil zu verkehren. Doch die gute Nachricht ist: hier gelingt es. Die Figurenzeichnung wird nicht gedehnt, bis sie irgendwann schlaff in sich zusammensinkt. Trotz der ganzen schwarz/weiß-Malerei harmoniert das Duo nach anfänglichen Schwierigkeiten ganz gut miteinander. Für den einen oder anderen Zündstoff in späteren Folgen wird aber noch genügend Reibungswärme übrig gelassen.

Worum geht's?

Ihr erster Fall führt Nina Rubin und Robert Karow ins Milieu obdachloser Jugendlicher in Berlin. Die 13-jährige Jo irrt weinend durch die Stadt. Ihr älterer Bruder Ronny lebt in einer Einrichtung für straffällige Jugendliche, doch der panische Anruf seiner Schwester lässt ihm keine Wahl: Obwohl er kurz vor der Entlassung steht, bricht er aus.

Sein erster Arbeitstag in der Mordkommission führt Robert Karow an einen blutigen Tatort. Von der Leiche fehlt jede Spur. Ein grauenvoller Ort in einer leeren Ferienwohnung, in der Karow seiner neuen Kollegin Nina Rubin begegnet. Mit ihrem Assistenten Mark und der jungen Hospitantin Anna beginnen Rubin und Karow zu ermitteln. Karow vermutet bald, dass es sich um einen Fall aus der Drogenszene handelt. Nina ist skeptisch, nicht zuletzt, weil ihrem Kollegen Karow ein fragwürdiger Ruf vorauseilt...

Problem-Krimi oder Spaß-Tatort?

Gewalt, Drogenschmuggel, obdachlose Kinder - spaßig ist der Tatort "Das Muli" auf keinen Fall. Er ist aber eine rasant erzählte Geschichte, die die Protagonisten wie in einem Roadmovie quer durch das nächtliche Berlin irren lässt. Regisseur Stephan Wagner und Kameramann Thomas Benesch haben tolle Bilder eingefangen, die Story von Grimme-Preisträger Stefan Kolditz ("Unsere Mütter, unsere Väter") ist dicht, spannend und wendungsreich. Alle Berlin-Fans werden sich freuen, dass wieder deutlich mehr von der Stadt zu sehen ist, als in den Folgen der Vorgänger-Ermittler Till Ritter und Felix Stark. Und als besonderes Highlight wird im großen Showdown am Schluss dann auch schon mal der neue Hauptstadt-Flughafen BER eröffnet. Zumindest Teile davon.

Ist die Handlung glaubwürdig?

Dass der Flughafen schon fertig ist, ist natürlich komplett unrealistisch, aber das behauptet hier auch keiner. Ansonsten ist die Handlung - abgesehen von einigen Übertreibungen - durchaus denkbar. Junge Menschen werden mit dem Versprechen auf einen kostenlosen Urlaub geködert und dann als Drogenkuriere missbraucht. Ähnliche Fälle sind in den Vergangenheit leider immer wieder vorgekommen, nicht alle haben das überlebt.

Bester Auftritt?

Emma Bading ist stark in ihrer Rolle als obdachlose, verzeifelte Jo. Die gerade 17 Jahre alt gewordene Berlinerin überzeugt durch intensive Szenen und eine große Ausdrucksstärke. Und die beiden neuen Hauptdarsteller? Mark Waschke gibt die coole Sau, schwebt überlegen über den Dingen. Das hat er zuletzt auch schon im Til Schweiger-Tatort "Willkommen in Hamburg" als fieser Ex-Partner von Kommissar Nick Tschiller gezeigt. Großartig gespielt, genau so wollen wir ihn sehen. Meret Becker spielt ebenfalls super. Guckt zwar stets traurig, doch dass es in ihrem Inneren schreit und brodelt merkt der Zuschauer in jeder Minute. Sie ist übrigens die erste weibliche Ermittlerin am Tatort Berlin - und der erste Hauptcharakter seit langer Zeit, der mal wieder so richtig schön ausgiebig berlinern darf. Ick bin hier der Chef, wa?

Was muss man sich merken?

 

Robert Karow eilt ein fragwürdiger Ruf voraus. Nicht zuletzt deshalb ist Nina Rubin zunächst sehr skeptisch, was sie von ihrem neuen Kollegen zu halten hat. Am Ende dieser Episode wird zwar einiges geradegerückt, es bleibt aber noch genug Zündstoff übrig, um weitere Handlungsfäden zu spinnen. Auch die private Situation von Nina Rubin wird in den kommenden Folgen sicherlich wieder zum Thema werden. Neben der Pilotfolge wird Autor Stefan Kolditz auch für die nächsten drei Drehbücher verantwortlich sein und so den erzählerischen Spannungsbogen weiterspinnen. Das so etwas hervorragend klappen kann haben wir am Beispiel des Dortmunder Tatorts gesehen, wo ebenfalls in den ersten vier Episoden das Familiendrama von Hauptkommissar Peter Faber eine tragende Rolle spielte.

Soll man gucken?

Die Premiere des neuen Berliner Teams darf kein echter Tatort-Fan versäumen. Hier werden die grundlegenden Charakterzüge der beiden Ermittler eingeführt und auch der eine oder andere Nebenkriegsschauplatz aufgemacht, auf den sich spätere Folgen beziehen können. Also: auf keinen Fall verpassen und Sonntagabend einschalten!

 > 
Tatort-Blog.de