Neuer Tatort aus Erfurt: "Kalter Engel" im Kreuzverhör

Das neue Team am Tatort Erfurt muss sich erst zusammenraufen (v.l.: Benjamin Kramme, Alina Levshin, Friedrich Mücke).

Das neue Team am Tatort Erfurt muss sich erst zusammenraufen (v.l.: Benjamin Kramme, Alina Levshin, Friedrich Mücke). © MDR/Marcus Goldhahn

30.10.2013 · von Tobias Frauen

In Erfurt tritt das vielzitierte "jüngste Tatort-Team aller Zeiten" den Dienst an, mit den bislang eher unbekannten Schauspielern Friedrich Mücke, Benjamin Kramme und Alina Levshin in den Hauptrollen. Der erste Fall "Kalter Engel" ist trotz einiger anfänglicher Merkwürdigkeiten ein richtig guter Tatort und macht Lust auf mehr!

Worum geht’s?

Nach einer Verfolgungsjagd – den Zusatz "spektakulär" aus dem Pressetext lassen wir mal guten Gewissens weg – schnappen Henry Funck (Friedrich Mücke) und Maik Schaffert (Benjamin Kramme) einem mehrfachen Frauenmörder. Gleichzeitig wird an einem Flußufer die Leiche der Studentin Anna Siebert gefunden, doch diese scheint nicht ins Muster des Mörders zu passen.

Funck und Schaffert nehmen das Umfeld von Anna Siebert unter die Lupe, begleitet von der Praktikantin Johanna Grewel (Alina Levshin), die von den beiden Jungs einen Einblick in den Kripo-Alltag erhalten soll. Offenbar hatte die tote Studentin einen ausschweifenden Lebensstil und besondere Wege, sich diesen zu finanzieren. Garniert wird dieser angenehm überschaubare Fall von diversen Ausflügen ins Privatleben der Kommissare. Das wird nicht jedermanns Sache sein, wirkt aber im ersten Film zumindest nicht unpassend, um die Figuren näher vorzustellen.

Problem-Krimi oder Spaß-Tatort?

Ein klassischer "Wer hat’s getan?"-Krimi, der leider kurz vor Ende noch eine etwas überraschende Wendung nimmt. Aber das ist ja auch bei gestandenen Teams nichts Neues. Zum Glück wird beim ersten Tatort aus Erfurt darauf verzichtet, mit dem Zeigefinger zu fuchteln und ein Thema an die große Glocke hängen zu wollen. Für den Spaß-Faktor sorgen die beiden Kumpel-Kommissare Funk und Schaffert. Zwar wirken die Figuren stellenweise noch etwas eindimensional und platt, aber ihr Potential für richtig gute Krimis haben sie in "Kalter Engel" mehr als angedeutet.

Ist die Handlung glaubwürdig?

Ja, einigermaßen. Kleine Ungereimtheiten wie den flink flüchtenden Parcour-Renner, der bei der Festnahme zum leicht schwammigen End-Dreißiger wird, passieren im nächsten Erfurt-Tatort hoffentlich nicht mehr. Der Fall ist aber weitgehend logisch aufgelöst und nachvollziehbar, die Anzahl der Figuren bleibt angenehm übersichtlich. Davon können sich viele andere Tatort-Teams eine Scheibe abschneiden: Man muss nicht unbedingt das ganz große Rad drehen, um einen starken Krimi abzuliefern!

Bester Auftritt

Im ersten Fall gebührt dieses Prädikat den neuen Kommissaren. Auch wenn Henry Funk ein bisschen zu sehr der smarte Frauen-Typ ist, Maik Schaffert ein bisschen zu krampfhaft auf lockerer Junggeselle gebürstet wurde und Johanna Grewel zu kindlich wirkt, sind die Erfurter Ermittler durchaus sehr sympathisch. Auch die mütterliche Kriminaldirektorin Petra Fritzenberger (Kirsten Block) passt gut ins Gefüge. Mit ein bisschen mehr Ecken und Kanten macht der neue Tatort bestimmt jede Menge Spaß. Nur die Ausflüge ins Privatleben müssen sich in Grenzen halten.

Was muss man sich merken?

Alles und nichts. Da die Figuren bei ihrem ersten Auftritt stellenweise noch ein wenig unbeholfen wirken, dürften relevante Aspekte in den weiteren Filmen wieder aufgegriffen werden. Weil der Fall im ersten Film abgeschlossen wurde, sind es vor allem die privaten Details der Figuren, auf denen aufgebaut werden kann. Dass Maik Schaffert 2002, im Jahr des Amoklaufs in Erfurt, Abitur gemacht hat, wird sicherlich noch einmal aufgegriffen werden.

Soll man gucken?

Ja! Die Macher des neuen Erfurter Tatortes zeigen, dass man keine großen Namen oder aufgeblasene Geschichten braucht, um einen rundum gelungenen Tatort zu machen! Außerdem bringen die neuen Kommissare frischen Wind in die Reihe: Das Durchschnittsalter der aktuellen Kommissar-Darsteller beträgt 50 Jahre, da ist frisches Blut mehr als nötig! Ein entspannter Tatort zum Genießen am Sonntag Abend - nach dem anstrengenden Möchtegern-Kunstwerk aus München ist "Kalter Engel" eine mehr als willkommene Abwechslung.

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