Münster-Tatort "Erkläre Chimäre": Rekord-Quote vorprogrammiert

Boerne (Jan Josef Liefers) und Thiel (Axel Prahl) haben geheiratet! Zumindest für...

Boerne (Jan Josef Liefers) und Thiel (Axel Prahl) haben geheiratet! Zumindest für... © WDR/Martin Valentin Menke

28.05.2015 · von Tobias Frauen

Tatorte aus Münster werden sehnsüchtig erwartet wie der Weihnachtsmann im Kindergarten oder der Jahresurlaub. Selbst Tatort-Muffel schalten bei Thiel und Boerne ein, die beiden sind beliebter als je ein anderer Kommissar zuvor. Und das, obwohl die Fälle inhaltlich zuletzt nicht immer ein Volltreffer waren. In "Erkläre Chimäre" nehmen mal wieder Stefan Cantz und Jan Hinter das Ruder in die Hand, die geistigen Väter des Münster-Tatort.

Worum geht’s?

Boerne (Jan Josef Liefers) hat ein Problem: Er hat seinem homosexuellen Onkel, auf dessen Erbe er hofft, leichtfertig erzählt, auch er habe sich geoutet und kürzlich einen Mann geheiratet. Nun steht der Onkel (Schwarzwaldklinik-Fossil Christian Kohlund) plötzlich vor der Tür. Ein Mann muss her, und wie es das Drehbuch so will, fällt die Wahl auf Thiel (Axel Prahl). Der ist Boerne zufällig auch noch einen Gefallen schuldig, nachdem er sich Wodka-trunken von Nadeshdas (Friederike Kempter) Beförderungsfeier schwer verschluckte und der nicht minder angeheiterte Professor flugs zum Brotmesser griff und einen aus seiner Sicht lebensrettenden Luftröhrenschnitt ansetzte.

Dummerweise ist die Stimmung jedoch getrübt, weil Erbonkel Gustavs blutjunger Lover tot aufgefunden wird. Er hatte gerade eine Kiste uralten Wein für 250.000 Euro an das Ehepaar Schosser (Sunnyi Melles, Uwe Preuss) verkauft und liegt nun mit aufgeschlitzter Kehle im Hinterhof eines Restaurants, vom Geld fehlt jede Spur.

Bei der Leichenschau stößt Boerne auf eine Reihe von Ungereimtheiten: Die Verletzungen waren nicht tödlich, die wahre Todesursache bleibt jedoch ein Rätsel. Außerdem gibt es reichlich DNA-Spuren, die jedoch allesamt identisch sind. Thiels einzige Spur ist der drogensüchtige Sohn der Schossers. Vollkommen verwirrend wird es, als eine Taxi-Kollegin von Vadder Thiel (Claus D. Clausnitzer) von einer Brücke stürzt – haben beide Fälle etwas  miteinander zu tun?

Worum geht es wirklich?

Wir sind in Münster, erwähnenswerten Tiefgang sucht man hier bekanntlich vergeblich. Eigentlich dient jeder neue Tatort nur dazu, einen möglichst wenig störenden Hintergrund für 90 Minuten Thiel/Boerne-Gags zu liefern. In "Erkläre Chimäre" müssen die beiden also ein Ehepaar spielen – und das funktioniert ganz gut, wider Erwarten sogar ohne allzu platte Gags. Herrlich unverkrampft geht der Tatort mit der gleichgeschlechtlichen Ehe um, da können sich die meisten selbsternannten Gralshüter der Kernfamilie – nicht nur angesichts der jüngsten Diskussionen – eine ganz dicke Scheibe von abschneiden.

Ist die Handlung glaubwürdig?

 

Nö, überhaupt nicht. Muss sie in Münster aber auch nicht sein. Wie immer sind Plot und Charaktere höchst grotesk – aber unterhaltsam. Realistisch sind wohl nur Boernes ebenso langwierige wie in der Masse aber auch langweilige Ausführungen zum "Bolus-Tod" (der wurde uns in einem Falke-Tatort schon mal erklärt), Chimären und DNA-Analysen.

Bester Auftritt

Das Team ist in Münster bekanntlich der Star. Und weil Liefers und Prahl gefühlt mehrmals täglich gefragt werden, wie lange sie den Tatort noch machen, predigen sie immer wieder, dass es nur mit allen sechs Kern-Figuren Sinn macht. Leider muss Nadeshda Krusenstern trotz Beförderung dieses Mal ins zweite Glied zurücktreten, denn die Bühne gehört in "Erkläre Chimäre" ganz klar dem herrlich eitlen Boerne und dem mehr denn je knarzigen Thiel. Liefers und Prahl haben sichtlich Spaß an der Sache, und die Autoren Stefan Cantz und Jan Hinter wissen ganz genau, wie sie die Figuren zu Höchstleistungen bringen.

Was muss man sich merken?

In Münster haben wir es bekanntlich mit permanenter Gegenwart zu tun, Entwicklungen gibt es also nicht. Nadeshdas Beförderung ist nach dem "neuen" Taxi für Vaddern erst die zweite Neuigkeit in 13 Jahren.

Soll man gucken?

Klar, es ist schließlich ein Tatort aus Münster! Wir prophezeien schon jetzt eine neue Rekord-Quote, auf jeden Fall werden weit über zehn Millionen einschalten. Und das nicht ganz zu Unrecht: "Erkläre Chimäre" ist gut geschrieben und charmant gespielt. Wirkliche Überraschungen braucht man nicht zu erwarten, auch dieser Münster-Tatort folgt seinem seit Jahren bewährten Strickmuster. Boerne und Thiel als Ehepaar, das hätte leicht in eine billige Witz-Parade abgleiten können, doch nahezu alle Klamauk-Fallen werden umschifft. Auch wenn Weimar den feineren Humor hat und andere bessere Geschichten – dieser Münster-Tatort spielt ganz vorne mit!

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