Kreuzverhör: Wie gut ist "Willkommen in Hamburg"?

Der neue Tatort-Kommissar in Hamburg heißt Nick Tschiller (Til Schweiger).

Der neue Tatort-Kommissar in Hamburg heißt Nick Tschiller (Til Schweiger). © NDR/Marion von der Mehden

03.03.2013 · von Tobias Frauen

Wie ist er denn nun, der erste Tatort mit Til Schweiger? Zuviele Leichen? Zu wenig Story? Wir haben "Willkommen in Hamburg" schon gesehen und verraten, ob sich das Einschalten lohnt!

Selten hat man sich einem Tatort mit soviel Ballast im Hinterkopf genähert. All die Diskussionen um Vorspann-Verbesserungen, Namens-Nörgeleien und Schweiger'sche Nuschel-Dialoge lassen sich nicht einfach vergessen, wenn der (altbewährte) Vorspann läuft. Doch "Willkommen in Hamburg", der erste Tatort-Einsatz von Schweigers Figur Nick Tschiller, ist gut. Sehr gut sogar, wenn man lockere Sprüche mag und keinen Wert auf hundertprozentige Realitätsnähe legt.

Worum geht es?

Der neue Tatort aus Hamburg erinnert ein bisschen an den Lindholm-Zweiteiler Ende letzten Jahres: Nick Tschiller (Til Schweiger) und sein Partner Yalcin Gümer (Fahri Yardim) heben einen Frauenhändler-Ring aus, der minderjährige Mädchen aus Osteuropa an reiche Kunden verkauft. Doch bei seinen Vorgesetzten und Staatsanwältin Hanna Lennerz (Edita Malovcic) und der Staatsanwaltschaft stößt Tschillers Erfolg auf wenig Begeisterung, denn der stillschweigende Kiezfrieden zwischen Justiz und der Zuhälter-Bande wurde damit aufgekündigt. Auch Nick Tschillers ehemaliger Partner Max Brenner (Mark Waschke) scheint in der Sache drinzustecken. Daneben muss sich Tschiller auch noch mit seinem Umzug, seiner karrierefreudigen Ex-Frau und seiner pubertierenden Tochter Lenny (Luna Schweiger) herumschlagen.

Problem-Krimi oder Spaß-Tatort?

"Willkommen in Hamburg" ist knallige Popcorn-Unterhaltung mit jeder Menge Action, Verfolgungsjagden und lockeren Sprüchen. Weil alles ein bisschen "larger than life" (O-Ton Pressetext) ist, tritt auch das ernste Grund-Thema in den Hintergrund. Tschillers Partner Yalcim Gümer sorgt für coole Sprüche, Tschiller ist der harte Hund und lässt nur bei seiner Tochter eine weiche Seite erkennen. Buchstäblich großes Kino, denn nach dem Rezept sind auch unzählige verschiedene Buddy-Cop-Filme aufgebaut. Und für das Tatort-Universum ist es allemal eine Bereicherung!

Ist die Handlung glaubwürdig?

Nein. Die meisten Figuren sind recht eindimensional und schemenhaft gezeichnet, und die Action ist in bester James-Bond-Manier übertrieben und unrealistisch. Auch die Logik ist nicht immer ganz nachvollziehbar, einige Wendungen und Zufälle sind arg konstruiert. Besonders sinnfrei ist die Szene in der Elbphilharmonie: Wir bekommen zwar einen Einblick in die Baustelle und einen schönen Ausblick über Hamburg, doch warum die Protagonisten grade dort hingekommen sind, bleibt vollkommen schleierhaft.

Bester Auftritt

Der eigentliche Star im neuen Hamburg-Tatort ist Fahri Yardim als Yalcim Gümer. Mit Kodderschnauze und jeder Menge Humor haut der Computer-Spezialist an Tschillers Seite einen Spruch nach dem anderen raus. Davon wollen wir unbedingt mehr sehen! 

Außerdem zeigen Til Schweiger und "Willkommen in Hamburg" eine nie geahnte Dimension der Selbstironie. Was auch immer im Vorfeld in den Medien heiß diskutiert wurde, wird im Film selber aufgegriffen und durch den Kakao gezogen: "Name?" - "Tschiller!" - "Wie der Dichter?" - "Welcher Dichter?"- "Na, Die Glocke und so..." - "Nein, Tschiller mit T. Ich nuschel ein bisschen...". Weltklasse!

Was muss man sich merken?

Eigentlich nicht viel. Lose Enden, die in Zukunft wieder aufgegriffen werden müssen oder können, gibt es kaum. Tschillers Privatleben mit Tochter und Ex-Frau bietet sicherlich noch den einen oder anderen Aufhänger, bei nur einem Hamburg-Tatort im Jahr dauert es aber ohnehin noch, bis wir Til Schweiger wieder sehen. Dass es auch eine dunkle Seite des neuen Hamburger Ermittlers gibt, wird nur ganz vorsichtig angedeutet.

Wie greift Günther Jauch den Tatort anschließend auf?

Wenn nicht der gefühlt 18. Lebensmittel-/Fleisch-/Futtermittelskandal dieses noch jungen Jahres dazwischen kommt und auch in der FDP alle die Hände bei sich behalten, bietet sich doch eigentlich eine Diskussionsrunde zum Thema "Institution Tatort" an. Da sitzen dann Lena Odenthal, Klara Blum, Frank Thiel und Klaus Borowski im Gasometer und dürfen ihre Sicht der Dinge darlegen. Während Odenthal sich über jede Neuerscheinung der letzten 20 Jahre ereifert, hört ihr Klara Blum entrückt zu und wünscht sich ans idyllische Ufer des Bodensees zurück. Frank Thiel sitzt mit St. Pauli-Shirt, Kippe und Astra-Dose daneben und versucht der Runde ein bisschen Schwung zu verleihen. Borowski hat außer "Ich höre!" ganz zu Anfang noch nichts gesagt, brabbelt aber nachdenklich vor sich hin. Und irgendwann kommt Til Schweiger mit einem Automatik-Gewehr und schieß sich den Weg in die Runde frei....waaas? Oh, eingeschlafen und schlecht geträumt. In Wirklichkeit sitzen doch nur wieder die üblichen Nasen bei Jauch. Diskussionen zum Tatort wird es aber auch am Montag noch mehr als genug geben...

Soweit also die "wichtigsten" Fragen und Antworten zum neuen Tatort. Wer mit Til Schweigers Tatort-Debüt "Willkommen in Hamburg" die Traditionen und Konventionen der Reihe aufgeweicht sieht, sollte sich nicht nur die großen Unterschiede im Tatort-Universum vor Augen führen, sondern auch einmal 30 Jahre zurück denken. Damals wurde die Reihe der Mantel tragenden und Fragen stellenden Biedermännern im Tatort um einen unflätigen Proleten erweitert, der seinerzeit den Unmut der Zuschauer und der echten Polizei auf sich zog. Heut jedoch gilt Götz George alias Horst Schimanski als einer der erfolgreichsten Tatort-Kommissare und landet in den Beliebtheits-Ranglisten regelmäßig ganz weit vorne. Sein erstes Wort im Tatort "Duisburg-Ruhrort" war übrigens "Scheiße!", während Nick Tschiller als Erstes ein herzhaftes "Fuck!" loslässt. Der Tatort geht eben mit der Zeit.

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