"Ist das wirklich ein Tatort?": Jubel über großartigen Murot-Fall

Das personifizierte Böse: Richard Harloff (Ulrich Matthes)

Das personifizierte Böse: Richard Harloff (Ulrich Matthes) © HR/Philip Sichler

13.10.2014 · von Tobias Frauen

47? 49? Oder noch mehr? Im Vorfeld von "Im Schmerz geboren" überboten sich die Kritiker gegenseitig in Sachen Leichen-Rekord. Doch statt eines Tschiller'schen Gemetzels war dieser Tatort vor allem eines: Ziemlich genial! Mit unzähligen Anspielungen und Zitaten aus Film, Malerei, Musik und Literatur gespickt und dennoch nicht eine Sekunde langweilig.

Klar, wie schon prognostiziert gab es auch ablehnende Meinungen zu diesem Gesamtkunstwerk aus Wiesbaden, so auch auf unserer Facebook-Seite. Fest steht: Es war ein Tatort, der seinesgleichen sucht und aus der Reihe herausragt. Wer die Geschichte um Felix Murot (Ulrich Tukur) und seinen Jugendfreund Richard Harloff (Oscar-verdächtig: Ulrich Matthes) nicht mochte, darf sich ab nächster Woche wieder auf "herkömmliche" Krimis freuen. Alle anderen sind auch am Montag Morgen noch beinahe erschlagen von der Macht und Dichte des Filmes von Florian Schwarz (Regie) und Michael Proehl (Drehbuch).

Da sieht man, dass sich viel Aufwand lohnt

Der Fundus der Zitate reichte von "Spiel mir das Lied vom Tod" in der Anfangsszene über den vielzitierten Film-Klassiker "Jules et Jim" bis hin zur klassischen Tragödie nach griechischem Muster. Wer das durchschaut hatte, den überraschte auch das Ende nicht mehr: Fast alle sterben, der Held - in diesem Falle natürlich Murot - durchlebt eine Katharsis. Untermalt wurde das Ganze von einer Vielzahl klassischer Werke (hier haben wir eine Übersicht), die extra für diesen Tatort vom HR-Sinfonieorchester eingespielt wurden.

Abgesehen von den Action-Krachern aus Hamburg wurde wohl für kaum einen Tatort jemals solch ein Aufwand betrieben. Neben dem aufwändigen Soundtrack fertigte Theatermaler Wilfried Marks eine Reihe von Szenen-Gemälden für die Freeze-Frame-Übergänge an. Und die Szene, in der Murot und Harloff im Park sitzen, bewacht von einer schwerbewaffneten Hundertschaft und völlig überteuerten Kaffee und Wein trinken, wirkt wie ein Seitenhieb auf alle die endlosen Dialog-Szenen in muffigen Verhörräumen, mit denen andere Tatorte möglichst kostengünstig ihre Handlung transportieren zu versuchen.

Bis ins kleinste Detail toll gemacht

Und nicht zuletzt die bis in die kleinste Nebenrolle exzellente Besetzung macht "Im Schmerz geboren" zu einem Kleinod. Auch wenn man viele Gesichter kennt: Wenn auch Kleinstrollen mit Namen wie Alexander Scheer, Felix von Manteuffel, Lucie Heinze oder Anatole Taubman besetzt sind, ist jede Szene ein Fest. Ulrich Matthes hat für seinen Auftritt sowieso einen Preis verdient.

Am Ende erfahren wir dann von Alexander Held als epischer Erzähl-Figur zwar noch eine detaillierte Todes-Statistik, doch da ist dann auch klar, dass es darum gar nicht geht. "Nichts ist real, alles Illusion" heißt es. Schon viele versuchten sich daran, einen Tatort als Kunstwerk auszugestalten, nahezu alle scheiterten. "Im Schmerz geboren" wird neue Massstäbe setzen und hoffentlich andere Verantwortliche dazu animieren, sich etwas Ungewöhnliches zuzutrauen. Das funktioniert nicht jeden Sonntag, doch die Reihe lebt durch solche Kleinode auf!

Quote

Die überschwängliche Kritik im Vorfeld hat "Im Schmerz geboren" eine sehr gute Quote eingebracht: 9,29 Millionen Zuschauer schalteten ein und bescherten dem vierten Murot-Tatort eine Anteil von 26%. Das bedeutete natürlich einen lockeren Tagessieg, wenn auch noch weit von den Rekord-Werten aus Münster entfernt.

 

Und was sagt Twitter?

Der Tatort "Im Schmerz geboren" wurde auf Twitter erwartungsgemäß sehr kontrovers diskutiert. Wir haben euch die besten Tweets zusammengefasst.

Erster Schreck beim Auftritt von Alexander Held als "Don" Bosco": Der Mann im Fernsehen spricht ja mit mir!

Von da an ging es los mit fröhlichem Zitate-Raten.

Eine der besten Szenen war sicherlich der perfide Laserpointer-Einsatz von Ulrich Matthes.

Viele kamen mit dem Twittern gar nicht hinterher, einige stiegen auch aus, um den Film mit voller Aufmerksamkeit sehen zu können. Einig waren sich aber alle: "Im Schmerz geboren" ist kein typischer Tatort. Für die einen eine Enttäuschung und großer Mist, für die meisten jedoch ein Genuss.

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