"Happy Birthday, Sarah" im Kreuzverhör: Stuttgart in die Champions League

Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) versuchen, aus Sarah (Ruby O. Fee) schlau zu werden.

Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) versuchen, aus Sarah (Ruby O. Fee) schlau zu werden. © SWR/Stephanie Schweigert

28.11.2013 · von Tobias Frauen

Heimlich, still und leise reihen sich die Stuttgarter Tatort-Kommissare mit "Happy Birthday, Sarah" zwischen den gehypten Kollegen aus Dortmund, Hamburg und Köln ein. Doch ohne verkrampfte Anspruchshaltung und übertriebenen Gestus zeigen die SWR-Ermittler hier, wie man einen richtig guten Tatort macht!

Worum geht’s?

Mit dem Kopf im Klo und heruntergelassenen Hosen wird ein Sozialarbeiter aufgefunden. Als Verdächtige geraten schnell die kriminellen Jugendlichen, mit denen der Tote gearbeitet hat, ins Visier von Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare). Allen voran die frühreife Sarah (Ruby O. Fee) scheint mehr zu wissen als sie zugibt.

Doch vieles ist nur Fassade: Frank Schöllhammer (Patrick von Blume), reicher Erbe und Gönner des Jugendhauses, ist offenbar pleite. Sven Vogel (Tobias Oertel), der engagierte Leiter der Einrichtung, wäre lieber gestern als morgen weg. Und auch Sarah ist viel mehr als eine gescheiterte Existenz. Zu alledem versucht sich Bootz nach seiner Trennung als alleinerziehender Vater – und greift bisweilen zu ungewöhnlichen Methoden.

Problem-Krimi oder Spaß-Tatort?

Die Stuttgarter sind in Sachen Tatort ein bisschen wie ihr Fußball-Verein: Spielen nie ganz vorne mit, sind aber auch nur selten enttäuschend. Auch die Geschichte von "Happy Birthday, Sarah" klingt zunächst wie ein Tatort, den man x-Mal aus Ludwigshafen, Berlin oder Köln gesehen hat – inklusive Moralkeule. Doch Regisseur Oliver Kienle schafft es, kaum Langeweile aufkommen zu lassen oder allzu viele Entwicklungen vorausahnbar zu machen. Auch im Umfeld der Tatort-Hochkaräter spielt sich Stuttgart damit locker auf Champions-League-Niveau!

Ist die Handlung glaubwürdig?

Weitgehend ja. Bisweilen werden falsche Fährten gelegt, die auch am Ende noch offen sind. Doch das wird ja höchstwahrscheinlich bei den meisten echten Kriminalfällen auch so sein. Übers Ziel hinaus schießt dieser SWR-Tatort aber da, wo das Proll-Milieu gespielt wird: Wer Dostojewski liest, bezeichnet für gewöhnlich auch gegenüber dem extrem unterbelichteten Mitbewohner einen Gast nicht als "Mann, wo mich besuchen tut" – da passt etwas nicht zusammen. Außerdem unterliegt Stuttgart scheinbar extremen Wetterschwankungen. Mal versinkt die Stadt im Schnee, mal ist weit und breit keine Flocke zu sehen. Immerhin passt das Wetter einigermaßen zum Sendetermin.

Bester Auftritt

Hauptfigur Sarah wird von Ruby O. Fee eindrucksvoll gespielt, aber auch die kleineren Rollen sind gut besetzt. So etwa Britta Hammelstein als Sarahs nicht minder prollige Schwester – sonst spielt sie im Til-Schweiger-Tatort die etwas backfischartige Assistentin Ines Kallwey.  Alle Darsteller haben sichtlich Spaß an der Sache, auch das macht diesen Tatort so gut!

Was muss man sich merken?

Nachdem im letzten Stuttgarter Tatort die alte Fehde zwischen Lannert und dem Großkriminellen Victor De Man wieder mal aufgegriffen wurde, steht der Fall in "Happy Birthday, Sarah" diesmal für sich alleine. Dafür ist bei Sebastian Bootz einiges los: Nach der tränenreichen Trennung von seiner Frau ist er nun wieder Single und alleinerziehender Vater in Teilzeit. Die Kollision zwischen Polizeiarbeit und Kinder ins Bett bringen ist hier grade noch erträglich, im nächsten Fall darf es dann gerne etwas weniger Privat-Drama sein.

Soll man gucken?

Ja! Ein unaufgeregter, und gerade deswegen sehr guter Tatort. Mord, ein paar Verdächtige, eine Verfolgungsjagd, Showdown, Happy End – so soll ein Unterhaltungs-Krimi sein. Zwischen all den Tatort-Superlativen der letzten Zeit zeigen die Stuttgarter, wie man auch ohne Hype einen sehr guten Film machen kann! Als Sahnehäubchen obendrauf gibt es einen exzellenten Soundtrack mit einigen gut abgehangenen Rock-Klassikern!

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