Falke vs. AfD: Der wichtigste Tatort des Jahres

Tatort Norddeutschland: Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) nehmen es mit dem rechten Mob auf.

© NDR/Christine Schroeder

Tatort Norddeutschland: Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) nehmen es mit dem rechten Mob auf.

Falke soll der rechtspopulistischen Politikerin Nina Schramm (Anja Kling) Personenschutz geben.

© NDR/Christine Schroeder

Falke soll der rechtspopulistischen Politikerin Nina Schramm (Anja Kling) Personenschutz geben.

Punk Falke und die aalglatte Redenschwingerin geraten natürlich heftig aneinander.

© NDR/Christine Schroeder

Punk Falke und die aalglatte Redenschwingerin geraten natürlich heftig aneinander.

Kurz darauf wird ein Anschlag verübt, Schramms Mann (Udo Schenk, l.) stirbt.

© NDR/Christine Schroeder

Kurz darauf wird ein Anschlag verübt, Schramms Mann (Udo  Schenk, l.) stirbt.

Falke sieht sich mitten in einer rücksichtslosen Medienkampagne der Rechten.

© NDR/Christine Schroeder

Falke sieht sich mitten in einer rücksichtslosen Medienkampagne der Rechten.

Die versuchen, den Anschlag den Linksextremisten anzuhängen.

© NDR/Christine Schroeder

Die versuchen, den Anschlag den Linksextremisten anzuhängen.
15.12.2017 · von

Nach den Zombies aus "Böser Boden" von vorletzter Woche bekommen es Thorsten Falke und Julia Grosz in "Dunkle Zeit" jetzt mit Rechtspopulisten zu tun. Ein Thema, das schnell in Allgemeinplätzen und geifernden Schlagabtäuschen ausufern könnte. Zum Glück hat man sich jedoch einen Autoren und Regisseur ins Boot geholt, der genügend Beobachtungsgabe und Fingerspitzengefühl für das Thema mitbringt. Die Reaktionen von Rechtsaußen sind dennoch vorprogrammiert.

Für Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) kommt es einer Bestrafung gleich, als er und Julia Grosz (Franziska Weisz) zum persönlichen Schutz von Nina Schramm (Anja Kling), Fraktionsvorsitzende der "Neuen Patrioten", abgestellt wird. Zum Leidwesen seiner Kollegin machen Falke und die Rechtspopulistin keinen Hehl aus ihrer gegenseitigen Abneigung.

Als Schramms Wagen durch eine Explosion zerstört und dabei ihr Ehemann Richard (Udo Schenk) getötet wird, melden rechte Netzwerke den Anschlag eines "linken Mobs" und werfen der Polizei vor, tatenlos zu zuschauen. Für die Ermittler ergeben sich allerdings Ungereimtheiten in der medienwirksamen Kampagne der Rechtspopulisten.

Tatort zeigt unverkennbar AfD und Co.

Wie schon so oft wurde der Tatort von der Realität eingeholt. Schon Monate vor der Bundestagswahl wurde "Dunkle Zeit" gedreht, und doch rühmt sich Schramm damit, in Falkes Heimatort ein Wahlergebnis von 13 Prozent geholt zu haben - das Ergebnis, das zuletzt die AfD auf Bundesebene knapp erreichte. Im Tatort nennt sich die Partei allerdings Die Neuen Patrioten, kurz DNP - mit einem Deutschland hintendran ergäbe das eher eine NPD. Dieser Hauch von Verschleierung sei dem Tatort zugestanden, es weiß eh jeder, wer gemeint ist.

Doch spiegelt der Film nicht nur deutsche Zustände wider. Nicht umsonst nimmt die erste Einstellung den US-Präsidenten Donald Trump ins Visier, und der aufkeimende Rechtspopulismus ist schließlich ein europaweites Problem. Gedreht wurde übrigens während des G20-Gipfels, für einige Szenen wich man nach Neumüster aus.

Der wichtigste Tatort des Jahres - mit kleinen Schwächen

So oder so hatte der NDR reichlich Stoff für Falkes Fall in einer politisch unruhigen Zeit, in der populistische Ideologien auf nahrhaften Boden fallen. Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein verpackt das in starke Dialoge, vor allem zwischen Falke und Schramm. Und zeigt, dass der rechte Mob für rationale Argumente nicht mehr empfänglich ist, sondern in seiner eigenen, wirren Fantasiewelt lebt. Was die unbelehrbare Politikerin, der streitbare Falke und die angestrengt diplomatische Grosz ineinander auslösen, dürfte vielen Deutschen bekannt vorkommen.

Schade, dass "Dunkle Zeit" an anderer Stelle Potential verschenkt. So nuanciert charakterisiert wie Schramm sind ihre Parteifreunde nicht geraten. Dem weitaus weniger spannenden Nebenschauplatz, auf dem zwei militante Aktivisten eine parasitäre Beziehung eingehen, während sie einen Anschlag planen, wird außerdem zu viel Raum gegeben. Spannend bleibt hingegen das Verhältnis zwischen Falke und Grosz. Trotz hartnäckigem "Sie" spürt man inzwischen eine Dynamik, die Lust auf mehr macht.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich der Tatort der aktuellen sozialpolitischen Stimmung annimmt. Bei dem "Tatort"-versierten Stein, der in der Folge "Der Inder" schon das Streitthema Stuttgart 21 und in "HAL" Datenschutz und künstliche Intelligenz behandelte, ist ein derart komplexes Reizthema in guten Händen. Er bildet ab, anstatt zu urteilen und zeigt, wie versiert eine Partei wie die fiktiven Neuen Patrioten ihre Wähler umgarnt, wie schwer es mitunter ist, ihr mit logischen Argumenten beizukommen, und wie verhärtet die Fronten wirklich sind.

All das wird bei denen, die gemeint sind, aber wie so häufig nicht ankommen. Wirre, geifernde Postings und Kommentare bei Facebook und Co werden im Umfeld von "Dunkle Zeit" noch mehr werden als ohnehin schon. Und genau das zeigt, das der Tatort ins Schwarze trifft und macht ihn ob seiner fast schmerzhaften Nähe zur Realität zum wichtigsten Fall des Jahres!

(mit Material von Spot On News)

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