Dortmunder Bürgermeister wettert gegen Tatort

Dortmunds Tatort-Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) entspricht nicht dem Geschmack des Oberbürgermeisters.

Dortmunds Tatort-Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) entspricht nicht dem Geschmack des Oberbürgermeisters. © WDR/Thomas Kost

22.01.2019 · von Tobias Frauen

UPDATE: Stellungnahme des WDR

Der WDR hat zu dem Ansinnen des Dortmunder Oberbürgermeisters dieses knappe, aber deutliche Statement gegeben:

"Der WDR zeigt in seinen vielen Dortmunder Tatort-Folgen ein vielschichtiges Bild der Stadt, etwa durch diverse Milieus und Drehorte wie den Phoenixsee, den Westfalenpark oder das Dortmunder „U“.

Der Tatort ist Fiktion – aus dramaturgischen Gründen wird auch verdichtet und zugespitzt. Dadurch können einzelne Szenen von den einen als Klischees empfunden werden, von anderen als realitätsnahe Darstellungen. Das polarisiert, löst Debatten aus – das ist aus unserer Sicht nicht negativ, sondern bereichernd.

Die Publikumsreaktionen auf die Tatorte aus Dortmund sind im Übrigen überwiegend positiv, bei den letzten öffentlichen Vorführungen in Dortmund gab es sehr viel Applaus."

Ursprüngliche Meldung:

Als 2011 bekannt wurde, dass der WDR einen Dortmund-Tatort plant, war Oberbürgermeister Ullrich Sierau begeistert. Das hat sich inzwischen geändert: Nach dem letzte Fall "Zorn" verfasste Sierau einen Brandbrief an WDR-Intendant Tom Buhrow, in dem er sich über die Darstellung seiner Stadt beschwert. Das berichten unter anderem die "Ruhr-Nachrichten".

Er müsse seine "früher getätigte Aussage, dass ein Tatort die Stadt adelt, revidieren. Was sich in vorherigen Folgen schon angedeutet hat, lässt sich nach der Folge von Sonntag nur als fortwährendes Mobbing gegenüber einer Stadt, einer Region sowie den dort lebenden Menschen bezeichnen", schreibt Sierau laut den RN. Die Art und Weise, wie Dortmund und die gesamte Region dargestellt werden, sei "an Klischeehaftigkeit nicht mehr zu überbieten. Es ist maximal lächerlich."

Um diese Aussagen einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf Sieraus Vorstellungen von einem "angemessenen" Tatort Dortmund: "Junger Wissenschaftler aus der Region schafft über die Hochschule den Aufstieg, gründet ein Start-up-Unternehmen, hat bahnbrechenden Erfolg – und finstere Typen heften sich an seine Fersen", schrieb er einst im "Tagesspiegel". Sein Wunschkandidat als Kommissar war Dietmar Bär, immerhin gebürtiger Dortmunder und BVB-Fan, dummerweise aber schon in Köln im Einsatz.

Politik soll die Finger vom Tatort lassen

Offenbar hat Ullrich Sierau einst zu viel Derrick geschaut, dort fanden die Verbrechen stets im sauberen Oberklasse-Umfeld statt und waren immer persönliche Dramen um Eifersucht und Rache, niemals Anzeichen struktureller Probleme. Auch Sieraus beleidigte Feststellung, in Dortmund gebe es seit 1987 keinen Bergbau mehr und der Strukturwandel sei erfolgreich vollzogen, ist an den Haaren herbeigezogen. Erst Ende 2018 schloss die letzte Zeche des Ruhrgebietes in Bottrop, gerade einmal 40 Kilometer von Dortmund entfernt. So viel Kunstfreiheit muss man auch als Realitäts-Fanatiker einem fiktiven Format wie dem Tatort zugestehen.

Klar, eine Hauptfigur wie Peter Faber kann natürlich nicht mit geleckten Helden mithalten. Doch gerade diese Figur, ihre Geschichte und ihr Auftreten macht den Dortmund-Tatort einzigartig und hebt ihn aus der Masse heraus. Auch die horizontale Erzählweise im Serien-Stil macht Dortmund zu den innovativsten Tatort-Standorten, auf die man mit etwas Weitblick stolz sein könnte. Ein Tatort ist nun einmal kein Image-Film, Sender und Autoren genießen künstlerische Freiheit. Es ist leider nicht das erste Mal in letzter Zeit, dass die Politik sich den Tatort und andere Formate zurechtbiegen will. Der WDR täte gut daran, Sierau einen - hübsch formulierten - Vogel zu zeigen und Faber weiter im Dortmunder Dreck wühlen zu lassen.

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