@TatortWatch: Pro und Contra

Der Twitter-Account @TatortWatch kommentiert seit gestern juristische verfehlungen der Kommisssare.

Screenshot Twitter

Der Twitter-Account @TatortWatch kommentiert seit gestern juristische verfehlungen der Kommisssare.
13.05.2013 · von

Beim Kieler Tatort "Borowski und der brennende Mann" prangerte der Twitter-Account @TatortWatch Verletzungen der Dienstvorschriften durch die Kommissare an und sorgte damit für einigen Wirbel im Netz. Guter Ansatz oder überflüssiges Wichtigmachen? Hier das Pro und Contra der Redaktion von Tatort-Blog.de!

Pro: So viele Meinungen – warum nicht die von @TatortWatch?

Wer während eines Tatortes die Meldungen bei Twitter verfolgt, wird mit einer unglaublichen Menge an Informationen überschüttet: Sibel Kekilli spielt in "Game of Thrones" mit, die dänische Schule heißt A.-P.-Möller-Skolen, die Tatort-Dreharbeiten im Januar mussten wegen zu guten Wetters unterbrochen werden, und vieles mehr. Nötig ist all das nicht, aber es gibt immer Zuschauer, die daran interessiert sind. Warum also nicht der Hinweis, dass dem Zeugen eigentlich seine Rechte hätten vorgelesen werden müssen? Oder eine Anmerkung zur von Kommissar Borowski hektisch ausgelösten Fahndung, die im normalen Polizei-Alltag so nicht möglich gewesen wäre?

Immer wieder kritisieren auch Polizei-Vertreter, wie die Arbeit der Ordnungshüter im Tatort dargestellt wird, zuletzt beim Dortmunder Kommissar Faber. Die Tweets von @TatortWatch sind auch nur eine weitere Meinung zur beliebtesten deutschen Krimi-Reihe. Wer das nicht mag, muss ja nicht mitlesen.

Das Problem von @TatortWatch ist, dass die hier twitternden Tatort-Fans ausdrücklich als Mitglieder der Grünen auftreten. Bei der Beurteilung der abgesetzten Tweets spielt dabei leider immer die Frage eine Rolle, wie man selbst zu dieser Partei steht. Während die einen alles toll finden, nehmen Andere schon allein bei dem Wort "Grün" eine Abwehrhaltung ein.

Dabei ist der Grundgedanke von @TatortWatch sehr interessant: Aus juristischer Sicht die Ermittlungen der Tatort-Kommissare zu kommentieren (am vergangenen Sonntag durch die Berliner Abgeordnete Paula Riester), kann sicherlich unterhaltsam sein. Auch Hintergrund-Infos zu Regularien der Polizei-Arbeit sind bisweilen eine nette Ergänzung.

Contra: Der Tatort ist Kunst – und darf deswegen alles!

Eine juristische Meinung zum Tatort ist schön und gut. Da die Filme aber ausdrücklich fiktionale Unterhaltungsstücke sind, ist es reichlich hochgegriffen, von "BürgerInnenrechtsverletzungen" zu schreiben, wenn einem Zeugen vor der Befragung nicht seine Rechte vorgelesen werden. Dass das im echten Leben ein Muss ist, steht außer Frage. Aber wer will am Sonntagabend dabei zusehen und -hören, wie Klaus Borowski oder Sarah Brandt beim Kieler Tatort in 90 Minuten bei jeder Befragung die gleiche Rechtsformel herunterleiern?

Als Kunst-Objekt darf der Tatort alles. Weil er aber so realistisch wie möglich sein möchte, wird dieser künstlerischen Freiheit nur in sehr geringem Maße freier Lauf gelassen – wie eben bei den Belehrungen. Das ist aber kein Beinbruch, sondern absolut zu verschmerzen. Und außer Fachleuten wird es vermutlich auch niemandem auffallen. Bei all den Meinungen und Kommentaren, die während der Sendung gepostet werden, sind die Tweets von @TatortWatch deswegen am überflüssigsten.

Unweigerlich wirft sich die Frage auf, was @TatortWatch wohl bei anderen Tatorten schreiben wird. Das Action-Spektakel eines Til Schweiger alias Nick Tschiller dürfte ein Fest für jeden kleinlichen Juristen sein, dort wurden im Sekundentakt Dienstvorschriften gebrochen. Aber auch anderswo werden schon seit Langem die realen Bestimmungen ignoriert: Beschlagnahmte Luden-Karren als Dienstwagen wie bei Freddy Schenk in Köln? Undenkbar! Ein Pathologe, der sich ständig in die Ermittlungen der Mordkommission einmischt wie Professor Boerne in Münster? Geht gar nicht!

@TatortWatch schießt deswegen weit über das Ziel hinaus. Nicht nur die sperrige Bezeichnung des Twitter-Accounts ("Aus Liebe zum #Tatort und #BürgerInnenrechten dokumentieren hier #Grüne Rechts- & InnenpolitikerInnen BürgerInnenrechtsverletzungen live.") liest sich wie eine Realsatire, auch die Anmerkungen zur Handlung sind mehr als kleinlich. Da kann noch so oft betont werden, es soll auf einer "niedrigschwelligen und auch humoristischen Ebene" (Paula Riester gegenüber Meedia) kommentiert werden, es wirkt doch alles sehr gewollt. Der Verdacht, hier springt jemand auf den Tatort-Hype auf, um vor der Wahl ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen, drängt sich dabei allzusehr auf.

Übrigens: Auch der spontan gegründete Gegen-Account @WatchTatort ist nicht besser. Dort stehen offensichtlich FDP-Anhänger hinter, die eine schlechte Idee schlecht kopieren.

Bei alledem drängt sich ein altes Zitat des Schriftstellers Ludwig Thoma auf: "Er war ein guter Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand!"

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