Tatort aus Köln: Twittern gegen rechts

Tatort Köln: Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) müssen mit viel Augenmaß ermitteln.

© WDR/Thomas Kost

Tatort Köln: Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) müssen mit viel Augenmaß ermitteln.

Beim Überfall auf eine Zoohandlung fällt im Dunkeln ein Schuss, der Sohn des Besitzers stirbt. Der Mord...

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Beim Überfall auf eine Zoohandlung fällt im Dunkeln ein Schuss, der Sohn des Besitzers stirbt. Der Mord...

...kommt Dieter Gottschalk (Sylvester Groth) und seiner Bürgerwehr gerade recht: Sie "verteidigen" das Viertel gegen Flüchtlinge.

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...kommt Dieter Gottschalk (Sylvester Groth) und seiner Bürgerwehr gerade recht: Sie "verteidigen" das Viertel gegen Flüchtlinge.

Zur "Wacht am Rhein"gehört aber auch der Marokkaner Adil Faras (Asad Schwarz).

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Zur "Wacht am Rhein"gehört aber auch der Marokkaner Adil Faras (Asad Schwarz).

Hauptverdächtiger im Mord ist der junge Khalid Hamidi (Samy Abdel Fattah), der vom ganzen Viertel gesucht wird.

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Hauptverdächtiger im Mord ist der junge Khalid Hamidi (Samy Abdel Fattah), der vom ganzen Viertel gesucht wird.

Auch Assistent Tobias (Patrick Abozen) muss vor Ort ermitteln - und ist wenig begeistert.

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Auch Assistent Tobias (Patrick Abozen) muss vor Ort ermitteln - und ist wenig begeistert.

Ein bemerkenswerter Gast: Klaus Doldinger, Komponist der Tatort-Melodie, ist als Straßenmusikant zu sehen.

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Ein bemerkenswerter Gast: Klaus Doldinger, Komponist der Tatort-Melodie, ist als Straßenmusikant zu sehen.
12.01.2017 · von

Erster Gedanke nach der Sichtung des neuen Tatortes: Oha. Wer "Gesinnungs-Fernsehen", "Gutmenschen-Propaganda" und "Umerziehung" zu seinem aktiven Wortschatz zählt, wird Sonntag am Köln-Tatort große Freude haben. Es sind Flüchtlinge zu sehen sowie das, was man wohl besorgte Bürger nennt, außerdem wird die Kölner Silvester-Nacht 2015 erwähnt. Alleine diese Gemengelage genügt ja schon, damit Twitter überläuft vor geifernden Empörungen all derjenigen, die ihr angestaubtes Weltbild mit der Tastatur verteidigen. Gleich als Vorwarnung: Es wird übrigens auch arabisch gesprochen, ohne Untertitel. So weit ist es also schon gekommen.

Worum es eigentlich geht und welche Geschichte erzählt wird, ist für diese Klientel ja ohnehin egal. Differenzierte Sichtweisen, Abwägungen und Relativierungen sind unerwünscht, es wird gepöbelt bis die Tastatur glüht. Aber, wie schrieb die taz so treffend nach dem letzten Tatort aus Frankfurt? "Wer den Zorn dieser Trolle auf sich zieht, hat alles richtig gemacht."

Ein Tatort ohne klare Fronten

Macht der Kölner Tatort "Wacht am Rhein" also auch alles richtig? Ein solch aufgeladenes Thema in den Händen der beiden Brachial-Moralisten Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) lassen viele Tatort-Fans schon im Vorfeld schaudern. Die namensgebende "Wacht am Rhein" ist eine Bürgerwehr, die unter der Führung von Aushilfs-Höcke Dieter Gottschalk (herrlich fies: Sylvester Groth) das Viertel verteidigt. Dabei sind aber nicht nur blonde Hünen, sondern auch der marokkanische Lebensmittelhändler Adil Faras (Asad Schwarz). Man merkt also: Es ist kompliziert, eindeutige Fronten gibt es nicht.

Während die Bürgerwehr mit wichtigtuerischer Penetranz durchs Viertel streift, überfällt der junge Syrer Khalid Hamidi (Samy Abdel Fattah) eine Zoohandlung. Als die Möchtegern-Polizisten einschreiten und der Strom im Laden ausfällt, wird der Sohn des Ladenbesitzers im Dunkeln erschossen. Nicht nur Max und Freddy, sondern das halbe Viertel suchen in der aufgeheizten Stimmung fieberhaft nach dem geflohenen Khalid, der bei der Tat einen auffälligen Hoodie trug.

Das Misstrauen sitzt tief, das bekommen auch die Ermittler vom Tatort Köln zu spüren. Für die Fanatiker um Anführer Gottschalk kommt der Tod ihres Nachbarn gerade recht, sie schlachten den Überfall bis ins letzte Detail aus. Doch auch von den Migranten, die im Viertel leben, schlägt den Polizisten Hass entgegen. Die Lage droht zu eskalieren, als es ein Mitglied der Bürgerwehr zur Selbstjustiz greift.

"Wacht am Rhein" ist keineswegs eine so detailverliebte Miniatur wie der Tatort aus Frankfurt in der vergangenen Woche. Wie so häufig bei Ballauf und Schenk wird die Botschaft planierraupenartig vor sich her geschoben. Was dem Kölner Tatort dieses Mal aber gut gelingt, ist die Differenzierung der Figuren. Jeder ist auf eine Art Opfer, und jeder ist auf seine Art unsympathisch. Man schaut auf die handelnden Personen und findet niemanden, zu dem man halten kann. Auch die fast völlig verwischten Grenzen zwischen Platzhirschen und Neuankömmlingen lassen keine Pauschal-Urteile zu.
Dabei sind aber auch einige Figuren arg stereotyp gezeichnet. Hipster-Webdesignerin Tabea (Karoline Bär) verkörpert das Gutmenschen-Klischee der AfD-Wähler, Max und Freddy spielen ihre Paraderollen als Idealist (Ballauf) und konservativer Skeptiker (Schenk). Ein alles in allem recht durchschnittlicher Tatort, für Kölner Verhältnisse jedoch schon ein Achtungs-Erfolg.

Was wirklich gesagt wird, ist eh egal

All das wird aber unbeachtet bleiben, wenn der braune Mob wieder zur Tastatur greift und bis weit in die kommende Woche hinein seine Hasstiraden bei Twitter und Facebook herausposaunt. Argumente sind dabei sinnlos, dieses Grüppchen sieht ohnehin nur, was es sehen will. Man ist fast geneigt, aufs Twittern zu verzichten, um die hanebüchenen Ergüsse nicht lesen zu müssen. Doch jeder Kommentar und Tweet über die absurden Tapeten in diesem Tatort, Hipster-Klischees, Freddys Auto oder (mal wieder) überraschend auftauchende Überwachungs-Videos ist ein Posting mehr gegen den Hass!

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