München-Tatort "Aus der Tiefe der Zeit": Zu viel des Bösen

Was Leitmayr (Udo Wachtveitl) mit Ante (Misel Maticevic) im Pool macht, wird erst ganz am Ende klar.

© BR/Frederic Batier

Was Leitmayr (Udo Wachtveitl) mit Ante (Misel Maticevic) im Pool macht, wird erst ganz am Ende klar.
24.10.2013 · von

"Warum haben wir nicht mal wieder so einen richtig simplen Fall? Wo ein Mann seine Frau erschlägt, weil er sie mit seinem besten Freund im Bett erwischt? Und bevor es zur Verhandlung kommt, erhängt er sich in der Zelle und wir haben keinen Schreibkram!" Auch Franz Leitmayr ist die Story im neuen Münchener Tatort "Aus der Tiefe der Zeit" offenbar zu wirr. Unter der Regie von Dominik Graf, der 1995 den vielgelobten München-Tatort "Frau Bu lacht" inszenierte, sind Batic und Leitmayr die einzig ruhigen Pole in einer unübersichtlichen Geschichte. Dabei wirkt der Film in vielerlei Hinsicht sehr ambitioniert, doch gerade das geht nach hinten los.

Worum geht’s?

Gentrifizierung, Mietwucher, Immobilienhaie, Bestechung und Vorteilsnahme, US-Waffenlobby, kroatische Neo-Nazis und als Krönung noch ein SS-Mann aus dem Zweiten Weltkrieg – um nur mal einen groben Überblick zu geben. Um das Ganze in 90 Minuten zu pressen, werden abrupte Schnitte und hektische Kamerabilder verwendet. Was eigentlich Dynamik symbolisieren und den künstlerischen Anspruch unterstreichen soll, geht irgendwann doch sehr auf die Nerven.

Ausgangspunkt ist die Leiche auf einer Baustelle, die die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) zur Familie des ehemaligen Zirkus-Stars Magda Holzer (Erni Mangold) führt. Der Tote ist ihr seit langem vermisster Sohn Florian, der sich mit seinem Bruder Peter (Martin Feifel) einst die Geliebte geteilt hatte. Eben diese Liz Bernard (Meret Becker) scheint sowohl über den Toten als auch über Peter Holzer mehr zu wissen, als sie zugibt. Familie Holzer pflegt nicht nur ein bizarres Leben, sondern hat auch Finger in dubiosen Bauvorhaben im Münchener Westend. Dort haust Leitmayr übergangsweise und lernt die Widerstände gegen den Bau-Boom im Viertel kennen…

Problem-Krimi oder Spaß-Tatort?

Wie so häufig, haben die Münchener auch bei diesem Tatort den berühmten gesellschaftspolitischen Anspruch. Doch in "Aus der Tiefe der Zeit" ist es einfach zu viel. Es werden jede Menge Problemfelder angeschnitten, jedoch keines richtig vertieft und auserzählt. So hinterlässt der Film den Zuschauer am Ende ein wenig verwirrt zurück. Da wäre weniger mehr gewesen.

Positiv ins Gewicht fallen die kleinen Running Gags, die unkommentiert dezent immer wieder aufgegriffen werden. Mit anderen Worten: Wer sich am Montag einen Kaffee am Automaten holt, wird zumindest schmunzeln müssen!

Ist die Handlung glaubwürdig?

Nein. Das am Ende präsentierte Mordmotiv hat rein gar nichts mit den zahlreichen anderen Handlungssträngen zu tun. Das an sich wäre nichts ungewöhnliches, ebenso wenig wie bestechliche Münchener Stadtvertreter oder durchgeknallte Zirkus-Omis. Doch die Masse machts: Batic und Leitmayr sind in diesem Panoptikum die einzigen, die zumindest auf den ersten Blick noch alle Tassen im Schrank haben. 

Bester Auftritt

Nicht nur Story und Look dieses Münchener Tatortes von Dominik Graf sind ambitioniert, auch die Besetzung ist erstklassig. Mit Meret Becker, Martin Feifel, Misel Maticevic und Erni Mangold sind gleich mehrere ganz große Namen vertreten. Sie alle liefern eine gute und intensive Leistung ab und machen den Tatort trotz der Unzulänglichkeiten erträglich. Ein ehemaliger Tatort-Kommissar aus einer anderen Stadt ist außerdem in einer Nebenrolle zu sehen – in Kostüm und Maske erkennt man ihn aber erst auf den zweiten Blick. Na, wer weiß, um wen es geht?

Was muss man sich merken?

In der großen Flut an Geschichten und Aspekten, mit denen der Tatort "Aus der Tiefe der Zeit" den Zuschauer überhäuft, ist zum Glück nicht viel, was man sich merken muss. Leitmayr zieht am Ende wieder in seine eigene Wohnung, doch eine Bekanntschaft aus dem Westend könnte ihm in einem der nächsten Fälle noch einmal wieder einholen…

Soll man gucken?

Das Team vom Tatort München ist seit Jahren für solide bis sehr gute Tatorte bekannt. Mit diesem Film ist leider mal nur eine durchschnittliche Ausgabe gelungen. Ein großes Plus ist aber, dass Batic und Leitmayr beziehungsweise Nemec und Wachtveitl daran keine Schuld tragen. In der streckenweise wirren Geschichte wirken die beiden als Felsen in der Brandung und lassen sich auch von den überkandidelten Nebenfiguren nicht aus der Ruhe bringen. Und für die Experimente in Sachen Schnitt und Bildkomposition können die beiden ja nichts. Also, wer nicht zu viel erwartet, wird auch nicht entäuscht!

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