Luzern-Tatort im Kreuzverhör: Nur die Kommissare stören

Angesägte Projektile, die das Opfer regelrecht zerfetzen: Die Forensikerin hat wenig appetitliche Infos für Ritschard (Delia Mayer) und Flückiger (Stefan Gubser).

© ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Angesägte Projektile, die das Opfer regelrecht zerfetzen: Die Forensikerin hat wenig appetitliche Infos für Ritschard (Delia Mayer) und Flückiger (Stefan Gubser).

Die Justiz ist überlastet, deswegen greift Simon Amstad (Antoine Monot, Jr.) zur Waffe und richtet nicht verurteilte Straftäter.

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Die Justiz ist überlastet, deswegen greift Simon Amstad (Antoine Monot, Jr.) zur Waffe und richtet nicht verurteilte Straftäter.

Luc Seiler (Robert Rozic) wurde in den Rollstuhl geprügelt - seine Angreifer sind die ersten beiden Opfer.

© ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Luc Seiler (Robert Rozic) wurde in den Rollstuhl geprügelt - seine Angreifer sind die ersten beiden Opfer.

Ein eingeflogener Profiler (Michael Finger) hat das richtige Gespür für den Täter.

© ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Ein eingeflogener Profiler (Michael Finger) hat das richtige Gespür für den Täter.

Mit einer Task Force ermitteln die Luzerner Kommissare fieberhaft und kommen dem Sniper immer näher.

© ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Mit einer Task Force ermitteln die Luzerner Kommissare fieberhaft und kommen dem Sniper immer näher.

Ganz Luzern ist in Aufruhr, da liegen die Nerven manchmal blank...

© ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Ganz Luzern ist in Aufruhr, da liegen die Nerven manchmal blank...

...und nicht jeder Verdächtige ist wirklich in den Fall verstrickt.

© ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

...und nicht jeder Verdächtige ist wirklich in den Fall verstrickt.
03.09.2015 · von

Gleich in der ersten Szene spritzt Blut, in Minute vier gibt es einen detaillierten Blick auf zerfetzte Gehirnwindungen. Der sonst so schnarchige Luzern-Tatort startet bei "Ihr werdet gerichtet" nahezu tschilleresk. Kommen die Kommissare Flückiger und Ritschard bei diesem Tempo hinterher? Wir klären im Kreuzverhör, ob sich der erste Tatort nach der Sommerpause lohnt!

Worum geht’s?

Sie sagt nichts, gar nichts. Sitzt einfach nur da, isst kaum, raucht dafür umso mehr und zuckt bei jeder Berührung zusammen. Karin Amstad (Sarah Hostettler) hatte ein traumatisches Erlebnis, ihr Mann Simon (Antoine Monot Jr.) bemüht sich liebevoll um sie, kommt jedoch nicht an seine Frau heran. Nur dem ebenfalls traumatisierten Slavek (Misel Maticevic) hat Karin von der Vergewaltigung durch ihren Chef erzählt, ein Verfahren gab es nicht – durch die neue Strafprozessordnung ist die Justiz heillos überfordert.

Simon Amstad will das nicht hinnehmen und macht sich selbst zum Richter: In seiner Werkstatt bastelt er herkömmliche Munition zu maximal zerstörerischen Dum Dum-Geschossen um, inklusive eines eingravierten Paragrafen-Zeichens. Damit richtet Amstad nicht verurteilte Straftäter brutal hin und bereitet jeden Tag ein neues Blutbad in Luzern. Zwei Schläger, die einen Fotografen in den Rollstuhl prügelten, waren die ersten Opfer, es folgt ein Totraser. Sieben weitere akribisch ausgearbeitete Mordpläne warten in der Werkstatt auf ihre Umsetzung.

Der öffentlichen Panik angesichts der Mordserie haben Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) wenig entgegenzusetzen. Ein Profiler hilft ihnen zwar, Motiv und Muster des Täters zu erkennen. Doch wo schlägt der Sniper als nächstes zu?

Worum geht es wirklich?

Nach der Schweizer Einwanderungspolitik bekommt nun die Justiz ihr Fett weg: Seit der Einführung einer neuen Strafprozessordnung 2010 hat sich der Papierkram bei Verbrechen in der Schweiz vervielfacht, außerdem ist statt der Polizei nun die Staatsanwaltschaft für einen Großteil der Ermittlungen zuständig. Die Folge: Unzählige Fälle bleiben liegen, auch wenn der Täter schnell und eindeutig zu überführen wäre.

Ist die Handlung glaubwürdig?

Naja. Die nahezu grenzenlose Brutalität des Attentäters ist schon ein bisschen übertrieben, die Taten und die Opfer werden auch ohne erkennbare Zurückhaltung gezeigt. Drastische Bilder, viel Realitätsbezug: Der Luzerner Tatort sagt sich offenbar von den ebenso harmlosen wie hanebüchenen ersten Fällen los und will sich neu erfinden. Doch dabei gibt es zwei nicht unwesentliche Probleme…

Bester Auftritt

Star dieses Tatortes ist Antoine Monot Jr., der erst am vergangenen Sonntag in der Bremer Wiederholung noch als latent nerviger Lover von Inga Lürsen zu sehen war und ermordet wurde. Hier stellt er als teddyhafter, besorgter Ehemann, der frühmorgens zwei Menschen brutal hinrichtet und kurz darauf mit sanfter Stimme ein "Gipfeli" beim Bäcker bestellt, alle anderen in seinen großflächigen Schatten. Amstads Motivation enthüllt dieser Tatort mit einer fast nervtötenden Langsamkeit – woher allerdings die Skrupellosigkeit kommt, bleibt ungeklärt.

 

Gegen die stille Wucht des Antoine Monot Jr. gehen Flückiger und Ritschard gnadenlos unter. Sympathie und Empathie liegen eindeutig beim bärtigen Killer-Bären, während die Präsidiumsszenen voller Worthülsen wie "Wir brauchen mehr Leute" oder "Wir müssen die Liste abtelefonieren"  genauso unspannend sind wie alle Luzern-Tatorte zuvor. Nicht umsonst stehen Flückiger und Ritschard beim Sender SRF auf der Abschuss-Liste.

Was muss man sich merken?

Merken sollte man sich, dass jeder Auftritt von Antoine Monot Jr. lohnenswert ist. Außer vielleicht Elektromarkt-Werbung. Aber auch die ist noch besser als das, was die Luzerner Kommissare so zu bieten haben.

Soll man gucken?

Puuuuuhhh, nach acht Wochen sommerlicher Durststrecke macht ausgerechnet ein Tatort aus Luzern den Anfang einer neuen Saison? Viele Fans dürfte das enttäuschen. Wir können Euch aber zumindest teilweise beruhigen: Flückiger und Ritschard sind zwar genauso trantütig wie eh und je, aber Antoine Monot Jr. rettet den Film ein bisschen. Der Teil von "Ihr werdet gerichtet", der sich mit ihm als Sniper befasst, ist richtig gut. Der Rest ist banal und voller abgedroschener Standards. Unterm Strich ein einigermaßen ordentlicher Tatort – was für die Schweiz ja fast einem Ritterschlag gleich kommt.

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