"Hydra" im Kreuzverhör: Dortmunder History X

Tatort "Hydra": Kommissar Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und ihr Team haben ein Mord im Dortmunder Nazi-Milieu zu lösen.

© WDR/Thomas Kost

Tatort "Hydra": Kommissar Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und ihr Team haben ein Mord im Dortmunder Nazi-Milieu zu lösen.

Kai Fischer, Kopf einer Nazi-Gruppierung, wird tot aufgefunden. Aber warum...

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Kai Fischer, Kopf einer Nazi-Gruppierung, wird tot aufgefunden. Aber warum...

...geschah der Mord in einem verlassenen, weit abgelegenen Stahlwerk?

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...geschah der Mord in einem verlassenen, weit abgelegenen Stahlwerk?

Rechtsextremismus ist in Dortmund ein großes Problem, die Stadt gilt als Nazi-Hochburg.

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Rechtsextremismus ist in Dortmund ein großes Problem, die Stadt gilt als Nazi-Hochburg.

Auch Kai Fischers Witwe (Emily Cox) denkt wie der Tote. Sie vermutet...

© WDR/Thomas Kost

Auch Kai Fischers Witwe (Emily Cox) denkt wie der Tote. Sie vermutet...

...Jedida Steinmann (Valerie Koch) hinter dem Mord. Fischer prügelte einst Steinmanns Ehemann tot, konnte jedoch nicht überführt werden.

© WDR/Thomas Kost

...Jedida Steinmann (Valerie Koch) hinter dem Mord. Fischer prügelte einst Steinmanns Ehemann tot, konnte jedoch nicht überführt werden.

Nora Dalay (Aylin Tezel) und Faber nehmen die Dortmunder Nazis unter die Lupe: Da gibt es perfide Redenschwinger (Frank Pätzold, Natalia Rudziewicz)...

© WDR/Thomas Kost

Nora Dalay (Aylin Tezel) und Faber nehmen die Dortmunder Nazis unter die Lupe: Da gibt es perfide Redenschwinger (Frank Pätzold, Natalia Rudziewicz)...

...und tumbe Skinheads mit Baseballschläger-Sammlung. Wer steckt hinter dem Mord?

© WDR/Thomas Kost

...und tumbe Skinheads mit Baseballschläger-Sammlung. Wer steckt hinter dem Mord?

Nora und Daniel (Stefan Konarske) haben noch am Ende ihrer Beziehung zu knacken.

© WDR/Thomas Kost

Nora und Daniel (Stefan Konarske) haben noch am Ende ihrer Beziehung zu knacken.

Daniel trifft bei den Ermittlungen seinen Bruder Tobias (Robert Stadlober) wieder, der...

© WDR/Thomas Kost

Daniel trifft bei den Ermittlungen seinen Bruder Tobias (Robert Stadlober) wieder, der...

...ein Teil von Dortmunds rechter Szene ist. Wie soll sich der Kommissar in dieser Situation verhalten?

© WDR/Thomas Kost

...ein Teil von Dortmunds rechter Szene ist. Wie soll sich der Kommissar in dieser Situation verhalten?

Eines Nachts wird Nora von einer Gruppe Nazis brutal überfallen. Doch sie schweigt, um nicht vom Fall abgezogen zu werden.

© WDR/Thomas Kost

Eines Nachts wird Nora von einer Gruppe Nazis brutal überfallen. Doch sie schweigt, um nicht vom Fall abgezogen zu werden.

Kann das Dortmunder Tatort-Team trotz Drohungen, Übergriffen und einem Leck bei der Polizei den Mörder finden?

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Kann das Dortmunder Tatort-Team trotz Drohungen, Übergriffen und einem Leck bei der Polizei den Mörder finden?
08.01.2015 · von

Peter Faber und sein Team haben im neuen Fall "Hydra" den Mord am Dortmunder Ober-Nazi aufzuklären. In der Rechten-Hochburg Dortmund packt der Tatort damit also ein heißes Eisen an. Gerade angesichts der Pegida-Demos ist die rechte Gefahr aktueller denn je. Trifft der Tatort den richtigen Ton oder verzettelt er sich in ehrenwerten Ambitionen? Unser Kreuzverhör klärt es!

Worum geht’s?

Im gruseligen Ambiente des verlassenen Dortmunder Stahlwerkes wird die Leiche von Kai Fischer gefunden, dem Kopf der Dortmunder Neonazi-Gruppierung "Nationale Soziale". Fischer war einer der bekanntesten Nazis in Dortmund und kämpfte mit seinen Gesinnungsgenossen um die Vorherrschaft in der rechten Szene. Gab es Streit um eine mögliche Vereinigung seiner rechten Gruppierung mit einer Truppe Skinheads? Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Schudt) ermitteln in der Nazi-Hochburg der Dortmunder Nordstadt.

Fischers hochschwangere und ebenfalls stramm rechte Frau (Emily Cox) beschuldigt sofort "die Jüdin" Jedida Steinmann (Valerie Koch), Schuld am Tod ihres Mannes zu sein. Kai Fischer war einst daran beteiligt, als Steinmanns Ehemann zu Tode geprügelt wurde. Doch alle Zeugen haben plötzlich einen Rückzieher gemacht und ihre Aussage verweigert, und so blieb Fischer auf freiem Fuß. Jedida Steinmann, Leiterin einer Beratungsstelle gegen rechte Gewalt, setzte seither alles daran, den Mörder ihres Mannes zu überführen.

Nora Dalay (Aylin Tezel) schaut sich gemeinsam mit Faber in der Nazi-Szene um. Die türkisch-stämmige Kommissarin wirkt wie eine Provokation, und Faber nutzt diese Spannung gezielt aus. Nicht leicht für Nora, die noch immer an ihrer Abtreibung und am Beziehungs-Aus mit Daniel Kossik (Stefan Konarske) zu knacken hat. Sie wird von den Nazis bedroht und schließlich sogar nachts brutal überfallen. Nora glaubt, einen ihrer Peiniger erkannt zu haben – Kossiks Bruder Tobias (Robert Stadlober). Der gehört schon länger zum Umfeld von Dortmunds rechter Szene - und wird auch für Kossik zum Problem. Hat er interne Polizei-Informationen an seinen Bruder weitergegeben, um Nazi-Größen zu warnen?

Problem-Krimi oder Spaß-Tatort?

Vor dem brandaktuellen Hintergrund der fremdenfeindlichen Demonstrationen bekommen einige Szenen eine sicher so nicht intendierte, aber umso beklemmendere Tragweite: Wenn die Figur Daniel Kossik über "den kleinen Nazi in uns" schwadroniert, erscheinen ganz automatisch die Bilder von rechten Pegida-Idioten in Dresden und anderen Städten vor dem inneren Auge. Die Salon-Nazis der "Nationalen Sozialen" geben sich äußerlich harmlos und verbreiten dumme "Das wird man doch mal sagen dürfen"-Propaganda. Im Hinterzimmer aber warten Heß-Bilder und im Kopf eine krude Weltanschauung. Der stumpfe Skinhead mit einem Köcher voller Baseball-Schläger im Wohnzimmer wirkt da fast harmlos.

Es ist mutig vom Tatort, den Finger so gnadenlos in die Wunde einer Stadt zu legen. Doch wenn er weiterhin als Spiegelbild der Gesellschaft gelten und Missstände offen ansprechen will, muss er sich von den oft betulichen und hölzernen Inszenierungen zu Krimis wie diesem entwickeln. Und Fabers beißender, oft fast schmerzhafter Zynismus passt dazu wesentlich besser als Lena Odenthals beinahe pawlowsche Betroffenheit oder ein kumpelhaftes "Mensch, Freddy…" wie in Köln.

Ist die Handlung glaubwürdig?

Selten war ein Tatort so nah dran an der Realität: "Hydra" bildet die Zustände in Dortmund nahezu dokumentarisch ab, bis in die Details finden sich Parallelen im echten Leben. Dortmund gilt als Nazi-Hochburg in Deutschland, nicht nur im Problemviertel Nordstadt. Dass es unter den Dortmunder Fußball-Fans auch Hooligans mit rechtem Hintergrund gibt, ist ebenfalls kein Geheimnis. Die vor diesem Hintergrund erzählte Krimi-Handlung ist zwar manchmal ein wenig plakativ, doch das tut der Intensität dieses Tatortes keinen Abbruch.  Die namensgebende Sagengestalt Hydra zeichnet sich dadurch aus, dass ihr zwei neue Köpfe wachsen, sobald man einen abschlägt. Diese Köpfe sind Pegida und Co., AfD und verblendete Rechte wie die "Nationalen Sozialen" im Tatort oder ihre realen Vorbilder.

 

Bester Auftritt

Auch auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen: Die Figur Peter Faber gehört zu den besten und interessantesten Charakteren, die der Tatort seit vielen Jahren hervorgebracht hat. Nicht zuletzt wegen des grandiosen Spiels von Jörg Hartmann bietet jede Szene eine Überraschung, nie wird es langweilig. Nur wenigen Tatorten gelingt es, das Privatleben der Ermittler einigermaßen passend in die Handlung zu integrieren. Nachdem Faber den vermeintlichen Mörder seiner Familie in "Auf ewig Dein" gefasst hat, wird er etwas ruhiger, doch keineswegs weniger intensiv.

Wo andere versuchen, so krampfhaft politisch korrekt zu sein, dass es beinahe weh tut, lässt Faber einfach die Sau raus. Wenn er nicht nur einmal "mit der Türkin vor der Nazi-Nase rumwedelt" – wie Nora Dalay es formuliert – bringt ihn das näher zur Lösung als jedes richtlinienkonforme Verhör. Das macht Peter Faber zu einer der interessantesten, aber sicher auch kontroversesten Tatort-Figuren derzeit. Und dass er dabei noch äußerst schlagfertig ist, macht auch schwere Kost wie diesen Tatort zu sehr guter Unterhaltung.

Was muss man sich merken?

Der rote Faden der Dortmunder Tatorte ist das Privatleben der Kommissare, davon gibt es auch in "Hydra" wieder reichlich. Aber wir können beruhigen: Es ist nicht ganz so nervig wie an anderen Tatorten und - noch wichtiger – es macht die Figuren interessant. Faber ist etwas entspannter, aber zum Glück nicht weniger durchgeknallt, Noras und Daniels Beziehung ist beendet, beide haben nur noch mit den Nachwehen zu kämpfen. All das ist gut in die Handlung integriert und vertretbar, nur die einsam an der Hotelbar dahingezechten Abende von Martina Bönisch sind "too much".

Soll man gucken?

Absolut! Ein brisantes, aktuelles Thema wurde selten so gut aufbereitet wie in "Hydra". Und Faber und sein Team sind genau die richtigen, um in dieser Problemlage nicht nur zu überzeugen, sondern auch noch einen guten Krimi abzuliefern. Auch wenn die Konstruktion der Krimi-Handlung bisweilen ein bisschen schematisch abläuft, kann vor allem die Auflösung des Falles am Ende überzeugen. Dann nämlich zeigt sich, wie herausragend der Dortmunder Tatort von Jürgen Werner, dem Autor der ersten fünf Filme, erdacht wurde. Der nächste Fall kommt von einem anderen Autoren – hoffentlich kann dieser die großen Fußstapfen füllen.

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