Flüchtlings-Tatort "Verbrannt": Besorgte Würger

Der Tod eines Asylbewerbers führt Falke (Wotan Wilke Möhring) und Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) in einen Polizei-Sumpf.

© NDR/Alexander Fischerkoesen

Der Tod eines Asylbewerbers führt Falke (Wotan Wilke Möhring) und Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) in einen Polizei-Sumpf.

Am Vorabend verhaftet, am nächsten Morgen qualvoll in der Zelle verbrannt: Die Geschichte des Tatortes ist an den realen Fall Oury Jalloh angelehnt.

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Am Vorabend verhaftet, am nächsten Morgen qualvoll in der Zelle verbrannt: Die Geschichte des Tatortes ist an den realen Fall Oury Jalloh angelehnt.

Wie hat sich der gefesselte Häftling selbst anzünden können? Was hat die Truppe des Polizeireviers damit zu tun?

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Wie hat sich der gefesselte Häftling selbst anzünden können? Was hat die Truppe des Polizeireviers damit zu tun?

Revierführer Werl (Werner Wölbern) ist stolz auf seine eingeschworene Truppe und deckt seine Mitarbeiter.

© NDR/Alexander Fischerkoesen

Revierführer Werl (Werner Wölbern) ist stolz auf seine eingeschworene Truppe und deckt seine Mitarbeiter.

Als das Feuer ausbrach, hatte die labile Maria Sombert (Annika Kuhl) Dienst - ist sie der Schlüssel?

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Als das Feuer ausbrach, hatte die labile Maria Sombert (Annika Kuhl) Dienst - ist sie der Schlüssel?

Auch der zuständige Rechtsmediziner Dr. Arnold (Peter Jordan) hat mehr mit dem Fall zu tun, als er zunächst zugibt.

© NDR/Alexander Fischerkoesen

Auch der zuständige Rechtsmediziner Dr. Arnold (Peter Jordan) hat mehr mit dem Fall zu tun, als er zunächst zugibt.

Was für ein Kontrast: Bei der Grill-Feier der Polizei wird bierselig gegrölt...

© NDR/Alexander Fischerkoesen

Was für ein Kontrast: Bei der Grill-Feier der Polizei wird bierselig gegrölt...

...während die Proteste wegen des toten Flüchtlings zu eskalieren drohen.

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...während die Proteste wegen des toten Flüchtlings zu eskalieren drohen.

Auch an den Kommissaren geht der Fall nicht spurlos vorbei. Falke wird immer nachdenklicher...

© NDR/Alexander Fischerkoesen

Auch an den Kommissaren geht der Fall nicht spurlos vorbei. Falke wird immer nachdenklicher...

...während Katharina Lorenz einen Schlusstrich zieht und das LKA verlässt.

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...während Katharina Lorenz einen Schlusstrich zieht und das LKA verlässt.
08.10.2015 · von

Miese Absteigen in tristen Städtchen, Falke und Lorenz auf der Jagd nach Flüchtlingen, Schleusern und Passfälschern. Nach diesem inzwischen etwas eintönigen Rezept ist auch der neue Tatort "Verbrannt" gestrickt. Und dennoch vermag der Fall im Gegensatz zu seinen Vorgängern zu überzeugen – wegen der beklemmenden Aktualität und einem wahren Fall, der hinter der Geschichte steht.

Worum geht’s?

Eigentlich ein Fall wie jeder andere: Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) observieren einen Passfälscher und meinen, ihn auf frischer Tat ertappt zu haben. Als der Schwarzafrikaner flüchtet und Katharina Lorenz niederschlägt, rastet Falke aus und schlägt den Verdächtigen zusammen. Gemeinsam liefern die beiden Bundespolizisten den Verdächtigen  in der örtlichen Polizei-Station ab.

Am nächsten Tag dann der Schock: Der Inhaftierte ist in seiner Zelle verbrannt, keiner weiß, wie das Feuer ausbrechen konnte. Dass der Tote ein unbescholtener Asylbewerber war und nur durch eine Verwechslung ins Visier der Ermittler geraten ist, macht die Sache nur noch tragischer.

Falke übernimmt, getrieben von seinem schlechten Gewissen, eigenmächtig die Ermittlungen. Das Polizeirevier und die dortigen Beamten werden durchleuchtet – und liefern reichlich Anlässe für interne Ermittlungen. Katharina Lorenz lässt sich nur unwillig auf den Fall ein. Sie kennt einen der Polizisten persönlich, außerdem geht ihr der Fall an die Nieren. Der Abschied deutet sich an.

Worum geht es wirklich?

Reale Vorlage für "Verbrannt" ist der Fall Oury Jalloh. Der Flüchtling aus Sierra Leone starb 2005 in einer Dessauer Polizei-Zelle durch ein Feuer, die genaue Ursache ist bis heute ungeklärt. Doch der Film, obwohl bereits 2014 gedreht, ist so aktuell wie wohl kaum ein Tatort zuvor. Vor dem Hintergrund der vielen Flüchtlinge sind viele Szenen und Aussagen noch beklemmender als intendiert.

Ist die Handlung glaubwürdig?

"Verbrannt" hält sich eng an den realen Fall, bis in die Details werden die Vorgänge aus Dessau aufgegriffen. Als Berater haben sich die Macher Pagonis Pagonakis hinzugezogen, der einen Dokumentarfilm über Oury Jalloh drehte. Auch Drehbuchautor Stefan Kolditz hat sich lange mit dem Fall beschäftigt. Wesentlicher Unterschied zur Realität: Im Tatort gibt es am Ende einen Täter, in Dessau brauchte es einen langwierigen Revisionsprozess, bis einer der beiden Beschuldigten zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

 

Die Geschichte um Falkes und Lorenz‘ Ermittlungen innerhalb der zwielichtigen Polizei-Truppe jedoch ist nicht immer ganz sauber. Es wimmelt von Zufällen und plötzlichen Eingebungen, um die Story voranzutreiben. Das fällt wegen der Wucht des Themas nicht allzusehr ins Gewicht, lässt den Zuschauer aber bisweilen stutzen. Die unglaubliche Tristesse der namenlosen Stadt – gedreht wurde in Salzgitter - bis hinein in die Wohnzimmer der Protagonisten untermalt die Stimmung dabei äußerst wirkungsvoll.

Bester Auftritt

Leider müssen wir uns von Petra Schmidt-Schaller alias Katharina Lorenz verabschieden. Gemeinsam mit Wotan Wilke Möhring macht sie in ihrem vorerst letzten Tatort als Kommissarin eine gute Figur. Man merkt den Ermittlern an, wie sie der Fall mitnimmt und was er mit ihnen macht. Auch der coole Falke ist trotz lockerer Sprüche ("Ey Digger, ich heul gleich!") angefressen und ist nach 90 Minuten ein Anderer.

Eine gute Idee ist der Auftritt des Kabarettisten Serdar Somuncu als Anwalt der Flüchtlinge. Leider kommen der Anwalt und seine Botschaft aber etwas holzschnittartig rüber, da wäre sicher mehr Potential gewesen.

Was muss man sich merken?

Falke kriegt im nächsten Fall eine neue Partnerin, aber das hatten wir schon. Darüber hinaus wäre wahrscheinlich schon viel getan, wenn sich möglichst viele Zuschauer merken, wie überaus abstoßend das Gelaber der Spießbürger ist, die unter dem hauchdünnen Deckmäntelchen des "besorgten Deutschen" gegen Flüchtlinge hetzen. Direkt nach den Fernsehnachrichten mit der Meldung über den toten Afrikaner grölen die Polizisten schwarzrotgold-trunken "Ein Lob auf uns" – und das nur, weil im Film Tag der Deutschen Einheit ist. Der Film ist voll von derartigen Gegensätzen, die den Irrsinn der vielen "besorgten Bürger" deutlich werden lassen. Beklemmend.

Soll man gucken?

Unbedingt! Die Aktualität, der reale Hintergrund, die stumpfen Parolen auf der einen und die Fassungslosigkeit auf der anderen Seite - wohl kein Tatort zuvor war so aktuell wie "Verbrannt", das wird vor allem in den letzten Szenen besonders deutlich. Dass der Tatort als Krimi ein paar kleinere Schwächen hat, sei ihm verziehen. Außerdem wird im Umfeld sicherlich in aller Ausführlichkeit über den Film diskutiert - ausnahmsweise zu Recht.

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