Buchvorstellung: "Tatort – Gesellschaftspolitische Themen in der Krimi-Reihe"

In seiner Dissertation geht Kulturwissenschaftler Hendrik Buhl den Tatorten mit einer gewissen Agenda auf den Grund.

In seiner Dissertation geht Kulturwissenschaftler Hendrik Buhl den Tatorten mit einer gewissen Agenda auf den Grund.
24.01.2014 · von

Der Prototyp des gesellschaftspolitischen Tatortes blickt den Leser gleich auf dem Cover an: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) im Discounter-Drama "Kassensturz" von 2009. Damals wurden die Praktiken der Billig-Supermärkte in der Folge aus Ludwigshafen thematisiert, passend zum Überwachungs-Skandal bei Lidl. Begleitet wurde "Kassensturz" von einem breiten Medienecho und der obligatorischen Talkshow im Anschluss (damals noch "Anne Will"). Der Kulturwissenschaftler Hendrik Buhl untersucht in seiner Dissertation an diesem und den 33 anderen Tatorten des Jahres 2009, wie gesellschaftspolitische Diskurse aufgegriffen werden und wie diese Tatorte funktionieren. Auch bei der letztjährigen Tatort-Tagung in Göttingen hielt Buhl bereits einen Vortrag zu diesem Themenfeld.

"Tatort – Gesellschaftspolitische Themen in der Krimi-Reihe" ist eine wissenschaftliche Arbeit und dementsprechend für den Laien ein wenig sperrig zu lesen. Der umfangreiche Theorie- und Methodenteil ist für Nicht-Wissenschaftler aber auch nebensächlich. Interessant wird es, wenn eingangs die Tatort-Geschichte beleuchtet und grundlegende Erzählstrukturen dargestellt werden.

Im Hauptteil hat sich Hendrik Buhl neben der schon erwähnten Ludwigshafen-Folge "Kassensturz" und dem Thema Arbeitswelt auch das Problem des Alkoholismus vorgenommen. Dafür zieht er den Köln-Tatort "Mit ruhiger Hand" heran. Nach den beiden Detail-Analysen folgt jeweils ein Abschnitt, in der die gewonnenen Erkenntnisse auf die gesamte Tatort-Landschaft übertragen und weitere Folgen aufgegriffen werden. In einem weiteren Kapitel werden dann andere Problemfelder wie Sexualität, Drogen, Moral oder Migration kurz aufgegriffen, bevor Buhl sein Resümee zieht.

Wer die Tatort-Teams aus Ludwigshafen und Köln kennt, den wird das Ergebnis wenig überraschen: "Was zustimmungsfähig und -pflichtig ist, findet sich im Tatort definiert und seltener kontrovers dikutiert", lautet eine von Buhls Erkenntnissen. Soll heißen: Natürlich zielt die Odenthal'sche Pflicht-Empörung darauf ab, die Arbeitsbedingungen im Discounter anzuprangern. Die Gegenseite in Form der Arbeitgeber kommt kaum zu Wort, eine ergebnisoffene Diskussion findet nicht statt.

"Konsensmaschine Tatort"

Weiter heißt es: "Die von vielen sonntäglich genutzte 'Konsensmaschine Tatort' [zementiert] sittliche Grundsätze, Werte und Normen".  Dem Zuschauer wird also zum Ausklang des Wochenendes vorgesetzt, was er von diesem oder jenem Thema zu halten habe. Neuverhandlung von Werten biete der Tatort entsprechend selten, lautet das Fazit von Wissenschaftler Buhl. Auch interessant ist die Feststellung, dass der Tatort keine Themen selbst generiere, sondern sich in der Regel auf "bekanntes, umkämpftes und zumeist befriedetes Terrain begibt". Platt gesagt kann man sich also vorstellen, dass die Autoren in einer großen Grabbelkiste einen Themenkomplex suchen, der dann im Tatort behandelt wird.

Über die Fragestellung der Arbeit hinaus bietet "Tatort – Gesellschaftspolitische Themen in der Krimi-Reihe" eine weitere interessante – wenn auch nicht neue – Erkenntnis. Während Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) in "Kassensturz" pflichtgemäß empört über die Bedingungen an der Supermarkt-Kasse sind und todernst den moralischen Zeigefinger schwingen, wird das Alkohol-Problem von Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) in "Mit ruhiger Hand" vor allem in den Dialogen mit Freddy Schenk (Dietmar Bär) thematisiert. Das kommt wesentlich natürlicher rüber als die verkopfte, oberlehrerhafte Herangehensweise der Ludwigshafen-Krimis – und lässt die verordnete Botschaft bei aller Ernsthaftigkeit doch so rüberkommen, wie es zu einem fiktiven Sonntagabend-Krimi passt.

Wer mit der wissenschaftlichen Sprache und dem Schreibstil zurechtkommt, der findet in "Tatort – Gesellschaftspolitische Themen in der Krimi-Reihe" von Hendrik Buhl eine sehr guten Überblick, wie der Tatort sich als moralische Instanz etabliert hat und wie ein "Problem-Tatort" seine Wirkung entfaltet.

Hier könnt ihr das Buch "Tatort. Gesellschaftspolitische Themen in der Krimireihe" bestellen!

Erschienen im September 2013 bei der UVK Verlagsgesellschaft.

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