Buchvorstellung: "Der Tatort und die Philosophie"

Neu erschienen im Klett-Cotta-Verlag: "Der Tatort und die Philosophie" von Wolfram Eilenberger (Hrsg.)

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Neu erschienen im Klett-Cotta-Verlag: "Der Tatort und die Philosophie" von Wolfram Eilenberger (Hrsg.)
16.04.2014 · von

"9 Millionen sehen regelmäßig Tatort - jetzt wissen Sie warum", verspricht die Rückseite des Buches "Der Tatort und die Philosophie" von Wolfram Eilenberger. Dass der Herausgeber kein staubtrockener Wissenschaftler ist, das legen schon seine Buchtitel "Philosophie für alle, die noch etwas vorhaben" und "Finnen von Sinnen" nahe. Nun hat sich Eilenberger dem Tatort angenommen - beziehungsweise haben er und die Autoren der einzelnen Kapitel in "Der Tatort und die Philosophie" den Tatort herangezogen, um die Theorien und Thesen einiger Philosophen anhand alltäglicher Beispiele zu erläutern.

Friedrich Nietzsche neben Lena Odenthal

So stehen Adorno, Nietzsche, Husserl, Kracauer und viele weniger bekannte Denker im gleichen Satz neben Odenthal, Ballauf, Boerne oder Leitmayr. Dass die Wahl auf den Tatort als Bezugspunkt gefallen ist, erklärt Wolfram Eilenberger im Vorwort mit der tiefgreifenden Ritualisierung auf der einen, sowie der fast schon historischen Bedeutung der Reihe auf der anderen Seite. Früher ging man zum "kollektiven Läuterungsprozess" sonntags morgens in die Kirche, "heute geschieht dies mehrheitlich sonntagabends, um 20 Uhr, vor dem Fernseher." Der Tatort in seiner föderalen Gestaltung spiegelt laut Eilenberger außerdem wie kein anderes Format bundesrepublikanische Wirklichkeit dar.

Allen Autoren in "Der Tatort und die Philosophie" ist gemein, dass sie um 1970 herum geboren sind und somit ungefähr so alt sind wie die Reihe selber. "Die philosophische Auseinandersetzung mit der Krimireihe nimmt deshalb auch existentielle Züge an", schreibt Eilenberger, "ja führt bei dem einen oder anderen Autor zu einer Reflexion der eigenen Selbstwerdung in der Tatort-Republik Deutschland."

Und so werden einzelne Aspekte des Tatorts genau unter die philosophische Lupe genommen. Der Vorspann als Abbild von Jagd und Kampf, die "Personalisierung des Bösen" in der Suche nach dem Täter, die Frage nach dem Motiv sind dabei nur einige Ansätze der Autoren. Auch die Kommissare selber werden durchleuchtet: Die "offenbare Beziehungsunfähigkeit" der meisten Ermittler sowie die "fundamental gestörten Selbst- und Weltverhältnisse" der Figuren sind Gegenstand der Untersuchungen. 

Der Tatort wird mittels Twitter zum Gemeinschaftserlebnis

Stefan Münker betrachtet in seinem Beitrag "Immer wieder sonntags" die Botschaft des Tatortes. Abgesehen davon, dass der Krimi den sonntäglichen Tagesablauf teilweise strukturiert, führt er laut Münkler dazu, dass sich die Zuschauer als Teil einer Gemeinschaft fühlen und wissen, dass sie nicht alleine sind. Diese Argumentation führt dann fast zwingend zur Auseinandersetzung mit dem Second Screen. Wer den Tatort bei Twitter oder Facebook begleitet, wird "synchron mit anderen Zuschauern als Tatort-Zuschauer sozialisiert und kulturell formiert".

Ein schönes Buch für alle, die etwas für philosophische Gedanken übrig haben und einen reizvollen Zugang zu diesem Feld suchen. Wer wiederum als Tatort-Fan zu diesem Band greift, sieht die Reihe möglicherweise in einem ganz neuen Licht und bekommt quasi nebenbei eine Einführung in die Philosophie - auch wenn einige Thesen ein wenig konstruiert wirken.

Wolfram Eilenberger (Hrsg.): Der Tatort und die Philosophie, erschienen im Klett-Cotta-Verlag. Hier bei Amazon bestellen!

 

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