Berliner Tatort Kommissare im Interview

Die beiden Schauspieler Dominik Raacke (vorne links) und Boris Aljinovic (vorne rechts) ermitteln in "Gegen den Kopf".

© rbb/Frédéric Batier

Die beiden Schauspieler Dominik Raacke (vorne links) und Boris Aljinovic (vorne rechts) ermitteln in "Gegen den Kopf".
30.08.2013 · von

An diesem Sonntag muss der Tatort seinen Sendeplatz leider dem TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl opfern. Am darauffolgenden Sonntag folgt dann zur gewohnten Sendezeit ein neuer Tatort aus Berlin, bei dem es gleich um zwei sehr heikle Themen geht: Zivilcourage und Überwachungsstaat.

Aufhänger für die Geschichte zum Tatort "Gegen den Kopf" ist der gewaltsame Tod von Dominik Brunner vor fast genau vier Jahren, der von jugendlichen Schlägern in der Münchner U-Bahn zu Tode geprügelt wurde. Brunner hatte sich zuvor schützend zwischen die Schläger und eine Gruppe von Schülern gestellt. Im Tatort geht es nun um die Zivilcourage von Mark Haessler, der sich in der Berliner U-Bahn für einen Rentner einsetzt, der von Jugendlichen belästigt wird. Doch auch das Thema der allgegenwärtigen Überwachung durch Kameras und die jederzeitige Möglichkeit der Ortung von Personen über das Handynetz ist ein Thema. Die beiden Berliner Hauptdarsteller Dominic Raacke (als Kommissar Till Ritter) und Boris Aljinovic (als Kommissar Felix Stark) haben sich nun im Interview zum Film und seinen schwierigen Fragestellungen geäußert.

Drei Fragen an Dominic Raacke

Eine Überwachungskamera im U-Bahnhof spielt in diesem Fall  eine wichtige Rolle. In London beispielsweise sind knapp 4,5 Millionen Kameras in Straßen, Einkaufszentren und Bahnhöfen installiert. Wie stehen Sie dazu – hilft flächendeckende Überwachung in Großstädten bei der Verhinderung von Straftaten?

Dominic Raacke: Auch in Berlin sieht man an jeder Ecke Überwachungskameras. Ich glaube nur nicht, dass Überwachungskameras Straftaten wirksam verhindern, also nicht unbedingt präventiv wirken. Gerade Überfälle in U-Bahnen oder auf öffentlichen Plätzen entstehen ja meist aus dem Affekt, da wird der Täter nicht darüber nachdenken, ob er nun gefilmt wird oder nicht. Aber natürlich gibt es Situationen, bei denen Videoüberwachung hilft, Täter zu überführen. Die Polizei wünscht sich mehr Möglichkeiten der Überwachung und vor allem der Datenspeicherung, Datenschützer hingegen warnen genau davor.

Gerade im Moment wird das Thema Datenüberwachung, Speicherung und deren Auswertung heiß diskutiert. Es ist ja vor allem die Ungewissheit, was mit Daten passiert, welche die Sache bedenklich macht. Und da stellt sich dann plötzlich die Frage, ob mehr Datenspeicherung, die ja ursprünglich als Prävention gedacht war, Verbrechen einer ganz anderen Dimension erst ermöglicht.

Welche Szenen sind Ihnen rückblickend bei diesem „Tatort“ am stärksten in Erinnerung geblieben?

Dominic Raacke: Das Besondere an diesem „Tatort“ ist für mich die Struktur der Geschichte, die mich von Anfang an fasziniert hat. Relativ schnell haben wir ja zwei dringend Tatverdächtige, aber die Frage bleibt, wer von beiden ist der Haupttäter? Die Aufklärung dieses Falls ist ein Puzzle, das sich aus der Analyse von Überwachungskameras, Handytelefonaten und verschiedensten Zeugenaussagen ergibt. Der Zuschauer kriegt die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Damit steckt er mitten im Fall und irgendwie auch mitten in den Köpfen der Ermittler. So wurde noch kein „Tatort“ erzählt.

Außerdem hatten wir diesmal ein ganzes Team, das die Puzzleteile dieses Falls akribisch zusammensammelt. Es war eine Herausforderung, in den Gruppenszenen eine Schnelligkeit und Konzentration herzustellen, die zu so einer Geschichte passt.

Viele Menschen schauen weg, wenn ein anderer bedroht wird und in Not gerät – aus Angst, selbst zum Opfer zu werden. Was zeichnet Menschen aus, die Zivilcourage zeigen und sich für andere einsetzen? Und ist so etwas wie „Bürgermut“ erlernbar?

Dominic Raacke: Da hat sich wirklich etwas verändert. Sich einzumischen ist keine Eigenschaft mehr, die in unserer Gesellschaft wirklich selbstverständlich und eingeübt ist. Das ist sicher der Liberalität geschuldet, die unser Miteinander in den letzten Jahrzehnten bestimmt hat. Man lässt den anderen sein, wie er ist. Wenn mich mein Vordermann im Kino nervt, setze ich mich eher um, als dass ich ihn auffordere, aufzuhören mit seinem Nachbarn zu flüstern.

Nervende Kinder in einem Restaurant erträgt man und hofft, dass sie von alleine aufhören, bevor man sie zurecht weist oder die Eltern bittet, sich darum zu kümmern.

Wenn eine Gruppe Jugendlicher in der U-Bahn krakeelt, dann hat man sie zwar im Blick, mischt sich aber nicht ein. Das ist eine soziale Konfliktvermeidung, die es so vor Jahrzehnten noch nicht gab. Wenn es nun zu einer echten Gewaltsituation kommt, ist man plötzlich völlig hilflos, weil untrainiert, mit so einem Moment klar zu kommen. Hier ist Instinkt gefragt. Instinkt, die Situation richtig einzuschätzen und sich dementsprechend zu verhalten. Ob man diesen Instinkt erlernen kann? Schwer zu sagen. Sicher gibt es Menschen, die diesen Instinkt in sich tragen. Aber es gibt eben auch solche, die eingreifen, und durch ihr Verhalten Gewalt sogar erst richtig provozieren. Es ist schwierig, in einer Ausnahmesituation die richtige Entscheidung zu treffen, deshalb gibt es auf so eine Frage keine klare, einfache Antwort.

Drei Fragen an Boris Aljinovic

Jeder möchte gern „Zivilcourage“ beweisen, wenn sie benötigt wird. Dennoch gibt es Fälle, in denen Menschen sich wegducken, wenn es darauf ankommt. Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie in eine Situation wie Mark Haessler geraten?

Boris Aljinovic: Es wäre für mich wünschenswert mich so zu verhalten, dass ich stolz sagen kann, ich habe nicht weggeschaut, sondern versucht zu reagieren. Allein, und das macht das Besondere, ob der Mut dann vorhanden ist, weiß ich erst, wenn ich drin stecke. Ich habe aber allerdings den Willen.

In „Gegen den Kopf“ spielen Überwachungskameras eine große Rolle zur Aufklärung des Falls. Wie viel Überwachung ist in Ihren Augen vertretbar?

Boris Aljinovic: Überwachung muss die Privatsphäre wahren. Im Prinzip ist sie so hoch wie noch nie, weil sie noch nie mit solcher technischen Potenz auftrat. Ich glaube, sie wird weiter wachsen. Vertretbarkeit findet man nur in der Diskussion über die Verwendung der Daten.

Der Mitschnitt auf dem Smartphone des Opfers führt zu den beiden mutmaßlichen Tätern. Wie halten Sie es mit der Nutzung von Smartphones und sozialen Netzwerken wie Twitter & Co.?

Boris Aljinovic: Twittern ist nicht mein Ding, manchmal Facebook oder einige technische Foren zu meinem Hobby. Mein Smartphone ermöglicht mir Mails, Apps und manchmal tolle Fotos oder ersetzt sogar das Navi. Das Internet to go ist schon toll.

 

Quelle: ARD Presseportal

Kommentare

 > 
Tatort-Blog.de